Freitag, 3. November 2017

Kampftauglich oder nicht, das ist hier die Frage.

Vielleicht lehne ich mich jetzt wieder etwas zu weit aus dem Fenster, aber das muss jetzt einmal sein. In Okinawa trainierte man Kata und die Techniken daraus waren für den Kampf gedacht. Die Frage, ob etwas kampftauglich ist, oder nicht, stellte sich damals gar nicht.

Aber in zahlreichen Kampfkünsten muss man sich diese Frage mittlerweile stellen. Wer im Ring kämpfen lernt, der wird mit dieser Frage auch nicht konfrontiert. Der wird schon merken was gut ist und was Nonsens ist. Aber mittlerweile sind zahlreiche Kampfkünste nicht mehr auf Kata aufgebaut, sondern auf einer herausgesuchten Grundschule. Und da ist man überaus penibel.

Leider werden auch die Kumite-Übungen (außerhalb der Wettkampfübungen) ebenfalls so aufgebaut. Das bedeutet, dass man erst einmal mit einem „einschüssigen Vorderlader Angriff“ zu tun hat, der mit einem weiten langen Schritt beginnt. Diese Übungen sind vielleicht für die Motorik, die Koordination und die Techniklehre gut. Sie sind aber nicht kampftauglich. Davon ist man noch weit entfernt.

Und genau da fängt das Problem an.

Es gibt einen fehlenden Bereich zwischen Kata, (Kata-Bunkai, Kumite-Übungen) und Kampf, den man nur selten lehrt. Warum immer wieder, seit Funakoshis Zeiten, gesagt wird, dass man nur im Kampf kämpfen lernen kann hat den Grund, dass man diesen Bereich nicht erkennt.

Erst einmal muss eines klar sein: Es gibt keine Blocktechnik. Eine Blocktechnik ist nur eine halbe Sache. Wenn man einen Angriff geblockt hat, ist der folgende Zeitpunkt von einer „alles entscheidenden Wichtigkeit“. Je weniger Zeit man an dieser Stelle verliert, um so mehr besteht die Möglichkeit, dass man die Initiative ergreifen kann, um den Gegner auszuschalten, oder um etwas Zeit zu gewinnen um ihn mit den nächsten Techniken auszuschalten. Wenn man die Initiative ergriffen hat, bedeutet das nicht immer dass man auch sofort den so gepriesenen Ippon einbringen kann. Manchmal ist diese Initiative auch nur ein Zeitgewinn der es notwendig macht, die Initiative zu behalten oder den Kampf möglichst schnell zu beenden. 

Im vielen Kampfkünsten allerdings gibt es die Übungen, die nach einem Takt ablaufen. Erst der Block und dann der Konter. Kenei Mabuni schrieb in seinem Buch „Leere Hand“, dass es im Karate keinen Takt gibt. Einen Takt gibt es nur in der Übung.

Und jetzt kommt der oftmals fehlende Bereich. Ich möchte nun versuchen den Weg von der Kata-Bunkai-Version zur realistischeren Kampfübung zu beschreiben. Kata ist eine Sammlung von Waffen, die geschärft werden müssen. Darum geht es hier.

Wenn man die Zeit zwischen Block und Konter – was man als eine einzige Technik sehen sollte – so gering wie möglich halten will, dann muss man oftmals anders reagieren, als es in vielen Vorführungen sehr schön aussieht. 
Eine Block-Konter-Technik sollte man einmal mit einem begabten Anfänger testen. Und der greift garantiert nicht mit einem langen einschüssigen "Vorderlader-Schritt-Faustschlag" an; wobei er den Arm so weit nach vorne streckt, dass Oma die Wäsche daran aufhängen könnte. Und der schlägt auch nicht nur einmal. Und der hat auch nicht die andere Hand weit hinten irgendwo an der Hüfte. Dabei ist in einer solchen Übung oft eine Stoppsekunde beim Angreifer eingebaut, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Wie gesagt; als Übung ist es in Ordnung.

Leider hat man irgendwann bei seiner Suche nach der besten „Grundschulperfektion“ vergessen, dass diese Übung kampfuntauglich ist. Wenn zwei solche Großmeister, aus einer so vorgehenden Kampfkunst, gegeneinander antreten, dann führen sie erst einen „Kampfstellung-Pfauentanz“ auf, und anschließend folgt eine Keilerei die an eine Schulhofschlägerei erinnert. Jeder bessere Muay Thai Kämpfer prügelt sie durch den Ring.

Da fehlt doch etwas. Ja, einerseits fehlt etwas. Andererseits ist etwas zu viel. Was zu viel ist, darüber will ich mich jetzt nicht äußern. Aber was fehlt?

Man muss die Übungen langsam steigern. Tori muss erlaubt werden, nach dem ersten Angriff sofort einen zweiten Schlag zu machen. Und nicht aus der Hüfte. Das macht kein realistischer Angreifer. Das ganze muss langsam ohne Ansage gesteigert werden. Und zwar aus allen Distanzen heraus. Zuvor muss man die Kata wieder als Grundlage nehmen und nicht „Grundschulmäßig schön“, sondern kampftauglich trainieren. Und auch nicht immer zusammenhängend, sondern die Techniken auch spiegelbildlich anders wie in der Kata üben. Man muss sie langsam üben und immer mit dem Gedanken dabei, was man gerade macht. Dabei muss uns klar sein, dass in den Kata auch manchmal Grundübungen enthalten sind. Außerdem sind auch noch technische Anhaltspunkte enthalten, deren Sinn man erst mit viel Übung erkennt.

Wenn man soweit ist, dann kann man die Partnerübungen schrittweise kampftauglich steigern. Das ist ein sehr weiter Weg. Ein solcher Experte, könnte auch in jeden Kampfkunstring steigen. Und er würde nicht nur einen Pfauentanz aufführen.

Wenn man auf diese Weise Kata analysiert, hat man einen wahren Schatz an Trainingsmöglichkeiten die uns Karate lehren, ohne sich planlos die Mappe vollzuhauen, in der Hoffnung, dass man nach einer Zeit voller Torturen etwas dazugelernt hat.

Dieser fehlende Bereich muss geschlossen werden. Schlimm ist, wenn man diese Schwäche nicht erkennt und glaubt, man hätte das rettende Ufer erreicht. Wenn man aber diese Fehler erkannt hat, dann merkt man, dass man sein bisheriges Training etwas umstellen muss.

Diesen Weg muss aber jeder irgendwann alleine gehen. Denn es scheint nicht sehr viele Dojos zu geben, in denen so trainiert wird.

Wer Karate-Wettkampf trainiert, hat zumindest eine sehr gute Grundlage, im realen Kampf zu bestehen. Aber auch da ist vielerorts ein gewisses Umdenken notwendig.

Ich bin mir sicher, dass man das früher auf Okinawa wusste. Es wurde uns aber nicht alles erzählt.

Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern“.

Jonathan Swift (englisch-irischer Schriftsteller, Satiriker)

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