Mittwoch, 8. November 2017

Ignorierte Erfahrungen

Wir alle haben Erfahrungen gesammelt. Und manchmal haben wir auch etwas daraus gelernt. Es muss aber nicht immer richtig sein, was wir gelernt haben. Lebenserfahrung sammeln bedeutet nicht, dass man mit dem Alter auch automatisch weise wird. Es gibt viele „Alte“ die streiten sich heute noch genau so, wie in ihrer Jugend. 

„Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen.“
Kurt Tucholsky, deutscher Schriftsteller (1890 - 1935)

Trotzdem erinnert man sich gelegentlich im Alter an gewisse Fehler, vor denen man die Jugend bewahren will. Nun wollen wir diese Erfahrungen an unsere Kinder und Enkel weiter geben. Doch das funktioniert nicht. Wir sind ja „die Alten“. Und früher war das alles anders. Die „Alten“ haben ja keine Ahnung wie das heute ist. Wir sind vielleicht selbst wie die Irren mit dem Auto durch die Dörfer und Städte gerast und hatten Glück, dass nichts passiert ist. Die Alten hatten viele Dinge lernen müssen. Zum Beispiel wie man mit Geld umgeht. Wie man es ausgibt lernt die Jugend schon zu Kinderzeiten. 
Selbst meine lange verstorbene Großmutter, könnte den Jungen heute noch sagen, dass dieser Weg ihnen Schwierigkeiten bereiten wird. Aber sie wollen ja nicht hören. Sie wissen es besser. Nun gut. 

Wir haben eine neue Erfahrung gemacht. Nämlich die, dass die Jugend ihre Erfahrungen selbst machen muss. Wir können versuchen ihnen den Weg zu zeigen und sie vor falschen Wegen und Gefahren zu warnen. Aber gehen müssen sie den Weg selbst; sonst lernen sie es nie. Dann folgt meist irgendwann der Lehrspruch: „Ich habe es dir doch gesagt. Du hast ja nicht hören wollen“. 
Oder sie merken es nie, dass sie die Erfahrungen überlaufen haben, und immer wieder dieselben Fehler machen. Das ist bei vielen so, aber sicher nicht bei allen. 
Einige junge Leute sehen  in den übermittelten Erfahrungen der „Alten“ ein Wissen, das sie wirklich begreifen und die Folgen selbst abwägen können. Sie machen aus dem Wissen der „Alten“ eine Erfahrung, ohne in die schmerzliche Erfahrens-Grube zu fallen. Sie können damit etwas anfangen, weil sie verstehen was gemeint ist.

„Der aus Büchern erworbene Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit.“
Gotthold Ephraim Lessing, deutsche Dichter 1729 – 1781

Es mag eine alte Weisheit sein: „Was man von Anderen lernt, wird man wieder vergessen. Was man selbst erfahren hat, das behält man.“

So geht man auch oft im Berufsleben vor. Da gibt es den Begriff: „Anlernen“. Was bedeutet „Anlernen“?
Man kommt in eine Firma und hat gewisse Voraussetzungen mitgebracht. Nun folgt die „Anlernphase“. Man bekommt erste Erfahrungen und Richtlinien gezeigt, damit man mit dem neuen Job beginnen kann. Alles wird einem neuen Mitarbeiter noch nicht gezeigt. Das würde zu viel sein. Denn die Erfahrungen muss jeder selbst sammeln. Die Leute, die jemanden anlernen stehen dann aber immer mit ihrer Erfahrung zur Verfügung. Die "Alten" beantworten die Fragen, auf die sie eigentlich warten.

Und nun zum Karate:
Behalten wir die oben erwähnten Dinge mal im Kopf. 

Das Okinawa-Karate blickt auf eine sehr lange Erfahrungszeit zurück. Aber es sind die „Alten“. Und die haben ja keine Ahnung wie das heute ist. Wir sind die Jungen, und wir wissen es heute besser. Heute ist ja alles anders.
Die Alten aus Okinawa, konnten ihr Wissen gar nicht vermitteln; weil nicht viele da waren, die bereit waren es aufzunehmen. Sie konnten es hinterlassen. 

Ich kann meine verstorbene Großmutter nicht mehr fragen. Ich kann mich nur noch an ihre Worte erinnern. Damals war ich ein Jugendlicher, oder ein kleiner Junge. Aber heute fange ich an, das Wenige, an das ich mich erinnern kann, zu begreifen.

Und so ist es auch mit dem Okinawa-Karate. Trotzig stehen wir da und glauben alles zu wissen und begreifen nicht, dass man uns damals, als Karate von Okinawa nach Japan kam, nicht alles vermitteln konnte. Denn man kann nur Wege zeigen.  Aber man muss diese Wege auch erkennen und akzeptieren. Wenn jemand einen Weg zeigt, kann man auf genau diesem Weg Erfahrungen sammeln und begreifen. 

Wenn ein Elternpaar den Kindern vorlebt, dass man im Leben stark sein muss und arbeiten muss um etwas zu erreichen; dann begreifen es vielleicht auch die Kinder.
Das war – laut meinen Erkenntnissen – in Okinawa nicht anders. Das bedeutet, dass man, seit Karate nach Japan kam, einen Teil dessen selbst entdecken musste. Man hat – und man konnte – uns nicht alles sagen und zeigen.

Die Eltern und Großeltern sind die „Alten“ aus Okinawa. 
Die Jungen, sind die stolzen Karate-Nachkommen aus Japan.

Da nun die Leute aus Okinawa, in Japan ohnehin an Ansehen hinten anstehen mussten, ist es nicht verwunderlich, dass diese Jungen es besser wussten.

Und das ist teilweise bis heute so geblieben. Karate muss zum Teil, von jedem selbst entdeckt werden. Stattdessen schreibt man den heutigen neuen Nachkommen jede Bewegung penibel vor.
Wir wurden nur angelernt. Dieses „Anlernen“ kann man bis ins Unendliche Perfektionieren. Aber so wird man niemals lernen, mit der Vielfalt des Lebens fertig zu werden. Und auch im Beruf würde man nicht weit kommen.

Nun versucht man eigene Erfahrungen im Karate zu sammeln, ohne die „Alten“ zu befragen. Und da gibt es die tollsten Erfindungen. Das ist von Meister zu Meister anders. Und sogar Großmeister erfinden neue Pläne. 

Zu viele Wege führen in einen Irrgarten, aus dem keiner den Ausgang findet. Zu viele Konzepte enden im planlosen Durcheinander.

Es gibt mittlerweile – sogar von Großmeistern – geänderte Kata in eine Bunkai- bzw. Selbstverteidigung Version. Wer 27 Shotokan-Kata lernen will, muss dann auch noch die 27 Bunkai (oder SV) Versionen lernen. Und viele Meister erfindet etwas anderes. Und viele Meister sagen, dass man genau das erst lernen muss, um Karate zu verstehen. Und das ist nicht nur bei den Kata so. Die Kreativität wird in Schablonen gepresst, die vorgeschrieben sind. Und auch die Ausführung der Techniken wird neu erfunden. 

Dabei ist es so einfach, die Kata so zu belassen wie sie ist, und nur den Techniken im Kampf kreative Freiheit zu lassen. (Weg mit den Schablonen!)  Denn diese Kreativität reduziert die Zahl dessen, was man als Grundlage behalten muss. Denn sie verbindet die Techniken der Kata miteinander. Die Technik-Schablone muss weg und die kreative Anpassung an die Begebenheit muss her. Wer das erkennt, dem öffnet sich der Ausgang aus dem Labyrinth. 

Es gibt genügend Hinterlassenschaften, die man unter die Lupe nehmen kann. 
Alles was sie geschrieben haben, kann uns weiter helfen. Wie die jungen Leute heute, die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern verstehen und für sich nutzen können. 

Aber sind wir alle im Karate wirklich so schlau, wie diese wenige besagte junge Leute? 
Wir sind „Die Jungen“. Wissen wir es wirklich besser? Oder sind wir alle zu hoch dekoriert um noch etwas „altes“ unter die Lupe zu nehmen?

Nach Altem forschen heißt das Neue verstehen. 
Budo Weisheit (On ko chi shin, jap.: 温故知新)

Ossu
Rüdiger Janson

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