Sonntag, 26. November 2017

Grundstellung oder Grundbewegung?

Es ist enorm schwer, das folgende Thema zu beschreiben. Letztendlich sind es Eindrücke, Bilder, Gefühle und Erfahrungen, die man in Worte fassen muss. 
Es geht über drei Stufen. Fangen wir also an. 

Wenn man es genau nimmt, gibt es in der Kampfkunst eigentlich keine „Grundstellungen“; es gibt nur „Grundbewegungen“. Im Karate lernt man von Anfang an einzelne „in sich abgeschlossene Techniken“. Und da scheint ein „Weiterdenken“ und ein „Weiterentwickeln“ notwendig zu sein. 

Die erste Stufe ist das erlernen der Techniken. Aber in dieser Bezeichnung liegt schon der erste Fehler. Wollen wir an dieser Stelle die Bezeichnung „Technik“ durch „Form“ ersetzen. Formen sind weit mehr, als einzelne Techniken. Am Anfang mag es wichtig sein, einzelne Techniken zu erlernen. Aber einzelne Techniken sind im Kampf nicht zu gebrauchen. Formen hingegen schon. Formen können Kombinationen sein, Block mit Konter, oder Block-Konter-Techniken, oder eben ganze Kata.  

Das Erlernen dieser Formen geht nur stufenweise mit den Kata. 
Ein „Loslösen“ von den „Einzeltechniken“ ist im Karate unbedingt notwendig.
Die Faust an der Hüfte ist – wenn man es genau nimmt – nur eine Sekundensache. Das ist nur möglich, wenn die Block- oder die Konter-Technik wirkt. Und es ist nur dann möglich, wenn es danach sofort weiter geht. Somit müsste man im Karate mehr die fließenden Bewegungen trainieren, als die „in sich abgeschlossenen einzelnen kombinierten Robotertechniken“. 
Dieses „Starre“ die man immer wieder im Karate antrifft, führt offenbar zu schwerwiegenden Irrtümer und falschen Vorstellungen.  
Dazu kommen die Kommandos. Man geht in Grundstellung (Gedan-Kamae usw). Alles ist, als Technik definiert und in sich abgeschlossen. Die Benennung einzelner Techniken ist schon nicht so geschickt. 

Søren Kierkegaard (1813-1855 dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller) sagte einmal: 
Wenn du mir einen Namen gibst, verneinst du mich, in dem man mir einen Namen, eine Bezeichnung gibt, verneinst du all die anderen Dinge, die ich vielleicht sein könnte. Du beschränkst das Teilchen etwas zu sein, in dem du es fest nagelst, es benennst, aber gleichzeitig erschaffst du es, definierst es, zu existieren. Kreativität ist unsere höchste Natur, mit der Schaffung der Dinge, entsteht auch Zeit, welche die Illusion in der Solidität erschafft."

„Techniken“ sind Namen; abgeschlossene Dinge. Man sollte die Techniken aber mehr als „in sich fließende Bewegungen“ sehen. Einzelne Techniken braucht man nur, um diese „Bewegungen“ zu trainieren. 

Selbst die Kombinationen im Karate, werden oftmals zu starr und „namentlich benannt“ trainiert. Im Kampf muss man aber die Namen, und die einzelnen Techniken, vergessen. Alles muss ineinander fließen, ohne einzelne Abschlüsse. Das ist zwar nicht das Ippon-Karate das man vielerorts trainiert. Aber ein Abschluss gibt es erst dann, wenn man in Sicherheit ist. Und das entscheidet in der Realität der Gegner, nicht der Kampfrichter.
Am Anfang muss man Technik für Technik lernen; das ist klar. Aber irgendwann muss man lernen, es fließen zu lassen. Das „ichi ni san shi go – Denken“ muss irgendwann weg. Ja, man muss im Karate auch lernen, wieder etwas zu vergessen. 

Die zweite Stufe ist das erlernen und Trainieren dieser Formen. Dazu muss man mit den Gedanken nicht dem Kampfrichter oder dem Prüfer gefallen, sondern den Gegner bekämpfen. Man erlernt die Formen natürlich auch mit Partner.  

Man sollte also im Training einmal versuchen, das „Militärische Technik-Verhalten“ gegen ein lockeres fließendes „Bewegungs-Verhalten“ zu tauschen.  Man vergisst die Techniken. Man vergisst die antrainierten Grundstellungen. Man vergisst das „Einrasten der Technik“. Solche „Einrast-Abschlüsse“ braucht man nur, wenn man noch nie mit einem Partner einen Übungskampf gemacht hat. 

Nebenbei bemerkt, muss man sich auch im Klaren darüber sein, ob man ein Kämpfer werden will oder ob man Karate lernt, um sich in einer Notsituation verteidigen zu können. Und Nein, das ist nicht das Selbe. 

Wer sich gar nicht mit der Realität ernsthaft beschäftigt, hat schon mal seltsame Ideen. 
„Einrasten“ ist blanke „übertriebene Theorie“ ohne vernünftig praktisch erprobte Grundlage. 

Um diese Stufe zu trainieren kann man wunderbar die Kata nutzen. Aber dann auf eine eigene Weise. Nicht nach Wettkampf-Muster. Man kann die Kata im Training so trainieren, wie es gerade in den Kram passt. Und dieses Kata-Training beinhaltet alles; auch Partnertraining. Denn man muss sich hier die Frage stellen, ob man Kata-Training macht, oder ob man die Kata trainiert. 

Ja, man muss sich von vielen Dingen lösen, die man im Leben einmal erfahren hat. Man kann und soll von altem lernen. Eine Weiterentwicklung kann aber nur dann entstehen, wenn man sich vom alten lösen kann. 

Fortschritt kann nur auf dem Erbe der Vergangenheit aufgebaut werden. 
In der Kampfkunst aber ist das schwierig, denn es gibt zu viele Irrtümer. Wo muss man anfangen auszusortieren? Ein enorm großes Problem ist die „eingefahrene Denkweise“. Und die ist von Generation zu Generation anders, aber genau so stur. 

In der dritten Stufe muss man sich von den vielen Formen lösen. Zuvor muss man die Verbindungen der Formen gefunden haben. Das reduziert diese Formen auf eine Handvoll Variationen. 
Wenn man sich von der genau vorgeschriebenen Form löst, führt genau dieses "Loslassen" wieder dahin zurück. Aber in eine Form, die absolut Kampftauglich ist. 

Man muss in dieser Stufe wieder von vorne beginnen. man muss seine Fertigkeiten stufenweise kampftauglich machen. Es gibt in dieser dritten Stufe keine festen Formen mehr. man muss die eigene Geschicklichkeit spüren. 

Der Weg zu dieser wirklichen Meisterschaft führt über das anfängliche Studium der Techniken. Dann führt der Weg über die  Formen. Und letztendlich muss man wieder Loslassen lernen. Dieses "Loslassen" führt dann zur Idealform der eigenen Kampfkunst. Auf dieser Stufe verbindet man nicht nur die Formen der Kata des eigenen Stil miteinander; nein, man verbindet sogar einige verwandte Kampfstile miteinander. Das sind drei Schritte, die sehr viel Zeit erfordern.

Es gibt daher auch einen klaren Unterschied zwischen Technik und Form; zwischen Grundtechnik und Grundbewegung, und zwischen Vorlagen und kreativem Unterbewusstsein. 

Bevor ich mich mit der Kampfkunst befasste, war für mich ein Schlag nur ein Schlag und ein Tritt nur ein Tritt. Nachdem ich die Kampfkunst erlernt hatte, war ein Schlag nicht mehr nur ein Schlag und ein Tritt nicht mehr nur ein Tritt. Jetzt, da ich die Kampfkunst verstehe, ist für mich wieder ein Schlag nur ein Schlag und ein Tritt nur ein Tritt. 
Quelle: http://praktischesinstitut.de/praktischesinstitut/?page_id=132 / Jeet Kune Do (Bruce Lees Kampfkunst Entwicklung)

Und diese letzte dritte Stufe fehlt im Karate sehr oft. 
Hat sie jemand gefunden und geht dann diesen Weg, dann laufen oftmals die Technik-Karatekas hinterher und sagen, dass man alles falsch gemacht hat. 
Wer sich aber von diesem eingefrorenen „Technik-Karate“ nicht lösen kann und die dritte Stufe nicht erreicht, der wird nie lernen einen Ernstfall zu überstehen. Seine Kämpfe werden nur einer Wirtshausschlägerei gleich sein. 
Man muss zwar immer wieder die Formen trainieren; aber erst wenn man sich von der Form auch lösen kann, kann man im Kampf jede Form kämpfen. 

Leider besteht das heutige Karate sehr oft darin, den Zenkutsu-Dachi noch ein klein wenig zu verbessern. Wenn man aber vieles klar sehen will, in diesem Leben, dann muss man die stählernen Ketten im Kopf sprengen. 

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