Donnerstag, 16. November 2017

Was muss man alles auswendig lernen, im Karate?


  • Muss man die Bunkai-Variationen alle auswendig lernen?
  • Muss man die Techniken alle auswendig lernen?
  • Muss man Kihon auswendig lernen?
  • Muss man Gangart und die Zeiten der Kata auswendig lernen? 
  • Muss man Kombinationen auswendig lernen?
  • Muss man das Prüfungsprogramm auswendig lernen?
Was muss man eigentlich alles auswendig lernen, im Karate?  Das Prüfungsprogramm ja. Aber das kann man nach der Prüfung wieder vergessen. Aber wenn es um das „auswendig lernen“ geht, dann geht es auch darum, dass man das gelernte auch behält. 

Das einzige was man im Karate auswendig lernen, und auch behalten soll, ist der Ablauf der Kata. Alles andere muss man erfahren.

Dieses Zitat von schon mal für Diskussionen sorgen. 

Nehmen wir einmal an, der gute alte Goethe würde wiedergeboren und müsste jetzt beweisen, dass er der echte Goethe ist. 
Wir lassen unsere Fantasie etwas spielen und stellen uns zwei Männer vor, die in einem Raum stehen, der wie ein Gerichtssaal aussieht. Beide behaupten Goethe zu sein; aber nur einer ist es wirklich. Der Andere ist ein Hochstapler und ein hoch studierter Mann, der einfach alles über Goethe weiß. Vor ihnen sitzt eine Jury. Nennen wir den anderen Mann Paul. Paul glänzt mit seinem Wissen vor der Jury, sodass kaum noch Zweifel besteht, dass er der wahre Goethe sein muss, und der echte Goethe ein Hochstapler ist. 
Goethe hat schon mehr in seinem Leben vergessen, als Paul je gelernt hat. Goethe kann sich einfach nicht mehr an alles detailliert erinnern. Darum sieht es schlecht für ihn aus. 
Dann aber erklärt der echte Goethe „Wissen aus seinen Werken“, die in keinem Buch und keiner Überlieferung stehen. Er redet und redet und überzeugt schließlich die Juroren, dass er der echte Goethe und Paul der Hochstapler ist. Denn Paul hat kaum etwas von dem verstanden, was er über Goethe auswendig gelernt hat. 

So ist es auch im Karate. Das Auswendiggelernte nützt gar nichts. Man muss es begreifen und verstehen. Man muss es fühlen und verinnerlichen. 

Nur dann kann man den Weg das Karate wirklich gehen. 
Nur dann, kann man eine beliebige Stelle aus irgendeiner Kata erklären. 
Nur dann kann man den Weg der Technik vom „gut aussehen“ zum „gut wirken“ gehen. 

Der aus Büchern erworbene Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit. 
Gotthold Ephraim Lessing
deutsche Dichter 1729 - 1781

Es ist wie im Handwerk: Man lernt wie man mit einem Hammer auf einen Meißel schlägt. Man muss aber nicht mehr darüber nachdenken. 

Auswendig lernen müssen wir nur den Ablauf der Kata. Alles andere müssen wir üben. 

Und genau hier liegt ein großes Problem im heutigen Karate; wir lernen zu viel auswendig und lernen zu wenig das Handwerk. Karate ist wie ein Handwerk. Im Handwerk muss man das Wissen haben; aber auch die handwerklichen Fähigkeiten muss man sich aneignen. Dazu gibt es eine Lehrwerkstatt. Dort lernen die Auszubildenden mit Werkzeugen und Maschinen umzugehen. Der Meisterschmied zeigt ihnen wie es geht, lernen müssen sie es selber. 

Im Karate aber schreiben wir größtenteils jeden Hammerschlag am Amboss vor. Wir lassen den Lehrlingen keine eigenen handwerklichen Erfahrungen. Das mag im Wettkampfkarate etwas anders sein, aber es geht um das weite große Feld des Karate. Denn das brauchen wir, wenn wir Karate wirklich verstehen wollen. 

1. Wissen wie etwas geht, ist die erste Stufe.
2. Es auch wirklich verstehen, ist die zweite Stufe.
3. Es auch umzusetzen, ist die dritte Stufe. 

Wenn wir eine Kombination aus den Kata machen, dann wissen wir wie das geht.
Wenn wir deren Möglichkeiten alle erkennen, dann verstehen wir die Kombination.
Wenn wir sie umsetzen können, haben wir eine von vielen Stufen erreicht. 

Was wir wirklich auswendig lernen müssen, um diesen Weg zu gehen, ist die Kata. Alles Andere muss man sich erarbeiten. 

Der Meister zeigt uns, wie man eine Schweißnaht legt. Nun muss man sich diese handwerkliche Fähigkeit erarbeiten. 

Im Karate ist das ähnlich. Wir haben die Kata. Die dürfen wir nicht vergessen und die darf auch nicht verändert werden. 
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Wie wir dieses Werkzeug einsetzen, liegt an uns. 
Wie wir es erlernen und erfahren, liegt an uns.
Wie wir es fühlen und beherrschen, liegt an uns.

Karate ist wie ein Handwerk, das man beherrschen muss. Theorie und Praxis gehören zusammen. 
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Die Kata enthält alle notwendige Theorie. 
Der Sensei ist der Meister, der uns zeigt wie es geht.
Lernen muss es jeder alleine. 

Nur die Kata muss man auswendig behalten. Alles andere muss man sich erarbeiten. 

Mittwoch, 8. November 2017

Ignorierte Erfahrungen

Wir alle haben Erfahrungen gesammelt. Und manchmal haben wir auch etwas daraus gelernt. Es muss aber nicht immer richtig sein, was wir gelernt haben. Lebenserfahrung sammeln bedeutet nicht, dass man mit dem Alter auch automatisch weise wird. Es gibt viele „Alte“ die streiten sich heute noch genau so, wie in ihrer Jugend. 

„Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen.“
Kurt Tucholsky, deutscher Schriftsteller (1890 - 1935)

Trotzdem erinnert man sich gelegentlich im Alter an gewisse Fehler, vor denen man die Jugend bewahren will. Nun wollen wir diese Erfahrungen an unsere Kinder und Enkel weiter geben. Doch das funktioniert nicht. Wir sind ja „die Alten“. Und früher war das alles anders. Die „Alten“ haben ja keine Ahnung wie das heute ist. Wir sind vielleicht selbst wie die Irren mit dem Auto durch die Dörfer und Städte gerast und hatten Glück, dass nichts passiert ist. Die Alten hatten viele Dinge lernen müssen. Zum Beispiel wie man mit Geld umgeht. Wie man es ausgibt lernt die Jugend schon zu Kinderzeiten. 
Selbst meine lange verstorbene Großmutter, könnte den Jungen heute noch sagen, dass dieser Weg ihnen Schwierigkeiten bereiten wird. Aber sie wollen ja nicht hören. Sie wissen es besser. Nun gut. 

Wir haben eine neue Erfahrung gemacht. Nämlich die, dass die Jugend ihre Erfahrungen selbst machen muss. Wir können versuchen ihnen den Weg zu zeigen und sie vor falschen Wegen und Gefahren zu warnen. Aber gehen müssen sie den Weg selbst; sonst lernen sie es nie. Dann folgt meist irgendwann der Lehrspruch: „Ich habe es dir doch gesagt. Du hast ja nicht hören wollen“. 
Oder sie merken es nie, dass sie die Erfahrungen überlaufen haben, und immer wieder dieselben Fehler machen. Das ist bei vielen so, aber sicher nicht bei allen. 
Einige junge Leute sehen  in den übermittelten Erfahrungen der „Alten“ ein Wissen, das sie wirklich begreifen und die Folgen selbst abwägen können. Sie machen aus dem Wissen der „Alten“ eine Erfahrung, ohne in die schmerzliche Erfahrens-Grube zu fallen. Sie können damit etwas anfangen, weil sie verstehen was gemeint ist.

„Der aus Büchern erworbene Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit.“
Gotthold Ephraim Lessing, deutsche Dichter 1729 – 1781

Es mag eine alte Weisheit sein: „Was man von Anderen lernt, wird man wieder vergessen. Was man selbst erfahren hat, das behält man.“

So geht man auch oft im Berufsleben vor. Da gibt es den Begriff: „Anlernen“. Was bedeutet „Anlernen“?
Man kommt in eine Firma und hat gewisse Voraussetzungen mitgebracht. Nun folgt die „Anlernphase“. Man bekommt erste Erfahrungen und Richtlinien gezeigt, damit man mit dem neuen Job beginnen kann. Alles wird einem neuen Mitarbeiter noch nicht gezeigt. Das würde zu viel sein. Denn die Erfahrungen muss jeder selbst sammeln. Die Leute, die jemanden anlernen stehen dann aber immer mit ihrer Erfahrung zur Verfügung. Die "Alten" beantworten die Fragen, auf die sie eigentlich warten.

Und nun zum Karate:
Behalten wir die oben erwähnten Dinge mal im Kopf. 

Das Okinawa-Karate blickt auf eine sehr lange Erfahrungszeit zurück. Aber es sind die „Alten“. Und die haben ja keine Ahnung wie das heute ist. Wir sind die Jungen, und wir wissen es heute besser. Heute ist ja alles anders.
Die Alten aus Okinawa, konnten ihr Wissen gar nicht vermitteln; weil nicht viele da waren, die bereit waren es aufzunehmen. Sie konnten es hinterlassen. 

Ich kann meine verstorbene Großmutter nicht mehr fragen. Ich kann mich nur noch an ihre Worte erinnern. Damals war ich ein Jugendlicher, oder ein kleiner Junge. Aber heute fange ich an, das Wenige, an das ich mich erinnern kann, zu begreifen.

Und so ist es auch mit dem Okinawa-Karate. Trotzig stehen wir da und glauben alles zu wissen und begreifen nicht, dass man uns damals, als Karate von Okinawa nach Japan kam, nicht alles vermitteln konnte. Denn man kann nur Wege zeigen.  Aber man muss diese Wege auch erkennen und akzeptieren. Wenn jemand einen Weg zeigt, kann man auf genau diesem Weg Erfahrungen sammeln und begreifen. 

Wenn ein Elternpaar den Kindern vorlebt, dass man im Leben stark sein muss und arbeiten muss um etwas zu erreichen; dann begreifen es vielleicht auch die Kinder.
Das war – laut meinen Erkenntnissen – in Okinawa nicht anders. Das bedeutet, dass man, seit Karate nach Japan kam, einen Teil dessen selbst entdecken musste. Man hat – und man konnte – uns nicht alles sagen und zeigen.

Die Eltern und Großeltern sind die „Alten“ aus Okinawa. 
Die Jungen, sind die stolzen Karate-Nachkommen aus Japan.

Da nun die Leute aus Okinawa, in Japan ohnehin an Ansehen hinten anstehen mussten, ist es nicht verwunderlich, dass diese Jungen es besser wussten.

Und das ist teilweise bis heute so geblieben. Karate muss zum Teil, von jedem selbst entdeckt werden. Stattdessen schreibt man den heutigen neuen Nachkommen jede Bewegung penibel vor.
Wir wurden nur angelernt. Dieses „Anlernen“ kann man bis ins Unendliche Perfektionieren. Aber so wird man niemals lernen, mit der Vielfalt des Lebens fertig zu werden. Und auch im Beruf würde man nicht weit kommen.

Nun versucht man eigene Erfahrungen im Karate zu sammeln, ohne die „Alten“ zu befragen. Und da gibt es die tollsten Erfindungen. Das ist von Meister zu Meister anders. Und sogar Großmeister erfinden neue Pläne. 

Zu viele Wege führen in einen Irrgarten, aus dem keiner den Ausgang findet. Zu viele Konzepte enden im planlosen Durcheinander.

Es gibt mittlerweile – sogar von Großmeistern – geänderte Kata in eine Bunkai- bzw. Selbstverteidigung Version. Wer 27 Shotokan-Kata lernen will, muss dann auch noch die 27 Bunkai (oder SV) Versionen lernen. Und viele Meister erfindet etwas anderes. Und viele Meister sagen, dass man genau das erst lernen muss, um Karate zu verstehen. Und das ist nicht nur bei den Kata so. Die Kreativität wird in Schablonen gepresst, die vorgeschrieben sind. Und auch die Ausführung der Techniken wird neu erfunden. 

Dabei ist es so einfach, die Kata so zu belassen wie sie ist, und nur den Techniken im Kampf kreative Freiheit zu lassen. (Weg mit den Schablonen!)  Denn diese Kreativität reduziert die Zahl dessen, was man als Grundlage behalten muss. Denn sie verbindet die Techniken der Kata miteinander. Die Technik-Schablone muss weg und die kreative Anpassung an die Begebenheit muss her. Wer das erkennt, dem öffnet sich der Ausgang aus dem Labyrinth. 

Es gibt genügend Hinterlassenschaften, die man unter die Lupe nehmen kann. 
Alles was sie geschrieben haben, kann uns weiter helfen. Wie die jungen Leute heute, die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern verstehen und für sich nutzen können. 

Aber sind wir alle im Karate wirklich so schlau, wie diese wenige besagte junge Leute? 
Wir sind „Die Jungen“. Wissen wir es wirklich besser? Oder sind wir alle zu hoch dekoriert um noch etwas „altes“ unter die Lupe zu nehmen?

Nach Altem forschen heißt das Neue verstehen. 
Budo Weisheit (On ko chi shin, jap.: 温故知新)

Ossu
Rüdiger Janson

Montag, 6. November 2017

Der Karate-Gegner.

Warum wurden die Kampfkünste eigentlich entwickelt? Es ging ursprünglich immer um den Verteidigungsfall. Und auch genau darum wurden die Techniken entwickelt.
Diese Techniken – die man häufig in den Kata findet – wurden also entwickelt, um gegen alle möglichen Angriffe zu bestehen. Das hat Itosu Yasutsune  schon so geschrieben.

Und genau hier liegt ein Problem, das man seit Jahrzehnten vielerorts übersieht. Besonders häufig wird es in Kampfkünsten wie Karate oder Taekwondo übersehen. Dort zählt der Wettkampf mittlerweile mehr, als der Blick in den „realen Spiegel“.

Was man also braucht, ist eine weitere Steigerung des Trainings. Es muss einen Angreifer geben, der seine Angriffe schrittweise und entsprechend realitätsbezogen immer weiter etwas steigert. Der Angreifer muss weg von seiner eigenen Kampfkunst. Wenn man das wirklich üben will, sollte jemand den Gi gegen einen Trainingsanzug tauschen. Damit das Karate-Denken mehr aus dem Kopf kommt.

Der Angreifer muss ein Schauspieler sein. Ja, ein Schauspieler.
Dann kann man die verschiedenen Szenarien einmal trainieren. Man muss weg vom Karate-Angriff. Das muss man langsam üben. Es mag schwer fallen wie ein Kickboxer zu denken oder zu handeln.
Aber nur wenn man die Vielfalt kennt, kann man auch dagegen angehen.
Nur wenn man sich in die Vielfalt der Bedrohungen hinein denken kann, erkennt man die Techniken, die dagegen wirken.

Ein Krieger muss den Feind kennen. Nur dann kann er sich darauf einstellen.

Regel 13von Gichin Funakoshi       
  • 十三、敵に因って転化せよ.
  • Teki ni yotte tenka seyo.
  • Wandle dich abhängig vom Gegner.
  • Verändere deine Verteidigung gegenüber dem Feind.
  • Make adjustments according to your opponent
  • Passe dich deinem Gegner an.
Wenn man nur mit Karate-Gegnern trainiert, und Bunkai nur darauf aufbaut, verpasst man etwas Wichtiges im Training.

Zitat:
„Wenn Du Deinen Feind kennst und dich selbst kennst, brauchst du das Ergebnis von 100 Schlachten nicht zu fürchten.“
Sun Tzu    (um 500 v. Chr. Chinesischer General und Militärstratege, „Die Kunst des Krieges“)

Man muss sich also im Karate mehr um die vielen Angriffsmöglichkeiten und Bedrohungen kümmern, um die Techniken aus den Kata richtig zu verstehen. Denn Karate wurde nicht nur entwickelt, um Karate abzuwehren.
Das wird aber fast überall so trainiert.

Wer nur Karate trainiert ohne den Feind zu beachten, wird in einer wirklichen Bedrohung versagen.

Gilbert Gruss sagte einmal, dass sich jeder einmal daran erinnern sollte, warum man mit Karate begonnen hat. Dem kann ich mich nur anschließen

Ossu

Rüdiger Janson

Freitag, 3. November 2017

Kampftauglich oder nicht, das ist hier die Frage.

Vielleicht lehne ich mich jetzt wieder etwas zu weit aus dem Fenster, aber das muss jetzt einmal sein. In Okinawa trainierte man Kata und die Techniken daraus waren für den Kampf gedacht. Die Frage, ob etwas kampftauglich ist, oder nicht, stellte sich damals gar nicht.

Aber in zahlreichen Kampfkünsten muss man sich diese Frage mittlerweile stellen. Wer im Ring kämpfen lernt, der wird mit dieser Frage auch nicht konfrontiert. Der wird schon merken was gut ist und was Nonsens ist. Aber mittlerweile sind zahlreiche Kampfkünste nicht mehr auf Kata aufgebaut, sondern auf einer herausgesuchten Grundschule. Und da ist man überaus penibel.

Leider werden auch die Kumite-Übungen (außerhalb der Wettkampfübungen) ebenfalls so aufgebaut. Das bedeutet, dass man erst einmal mit einem „einschüssigen Vorderlader Angriff“ zu tun hat, der mit einem weiten langen Schritt beginnt. Diese Übungen sind vielleicht für die Motorik, die Koordination und die Techniklehre gut. Sie sind aber nicht kampftauglich. Davon ist man noch weit entfernt.

Und genau da fängt das Problem an.

Es gibt einen fehlenden Bereich zwischen Kata, (Kata-Bunkai, Kumite-Übungen) und Kampf, den man nur selten lehrt. Warum immer wieder, seit Funakoshis Zeiten, gesagt wird, dass man nur im Kampf kämpfen lernen kann hat den Grund, dass man diesen Bereich nicht erkennt.

Erst einmal muss eines klar sein: Es gibt keine Blocktechnik. Eine Blocktechnik ist nur eine halbe Sache. Wenn man einen Angriff geblockt hat, ist der folgende Zeitpunkt von einer „alles entscheidenden Wichtigkeit“. Je weniger Zeit man an dieser Stelle verliert, um so mehr besteht die Möglichkeit, dass man die Initiative ergreifen kann, um den Gegner auszuschalten, oder um etwas Zeit zu gewinnen um ihn mit den nächsten Techniken auszuschalten. Wenn man die Initiative ergriffen hat, bedeutet das nicht immer dass man auch sofort den so gepriesenen Ippon einbringen kann. Manchmal ist diese Initiative auch nur ein Zeitgewinn der es notwendig macht, die Initiative zu behalten oder den Kampf möglichst schnell zu beenden. 

Im vielen Kampfkünsten allerdings gibt es die Übungen, die nach einem Takt ablaufen. Erst der Block und dann der Konter. Kenei Mabuni schrieb in seinem Buch „Leere Hand“, dass es im Karate keinen Takt gibt. Einen Takt gibt es nur in der Übung.

Und jetzt kommt der oftmals fehlende Bereich. Ich möchte nun versuchen den Weg von der Kata-Bunkai-Version zur realistischeren Kampfübung zu beschreiben. Kata ist eine Sammlung von Waffen, die geschärft werden müssen. Darum geht es hier.

Wenn man die Zeit zwischen Block und Konter – was man als eine einzige Technik sehen sollte – so gering wie möglich halten will, dann muss man oftmals anders reagieren, als es in vielen Vorführungen sehr schön aussieht. 
Eine Block-Konter-Technik sollte man einmal mit einem begabten Anfänger testen. Und der greift garantiert nicht mit einem langen einschüssigen "Vorderlader-Schritt-Faustschlag" an; wobei er den Arm so weit nach vorne streckt, dass Oma die Wäsche daran aufhängen könnte. Und der schlägt auch nicht nur einmal. Und der hat auch nicht die andere Hand weit hinten irgendwo an der Hüfte. Dabei ist in einer solchen Übung oft eine Stoppsekunde beim Angreifer eingebaut, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Wie gesagt; als Übung ist es in Ordnung.

Leider hat man irgendwann bei seiner Suche nach der besten „Grundschulperfektion“ vergessen, dass diese Übung kampfuntauglich ist. Wenn zwei solche Großmeister, aus einer so vorgehenden Kampfkunst, gegeneinander antreten, dann führen sie erst einen „Kampfstellung-Pfauentanz“ auf, und anschließend folgt eine Keilerei die an eine Schulhofschlägerei erinnert. Jeder bessere Muay Thai Kämpfer prügelt sie durch den Ring.

Da fehlt doch etwas. Ja, einerseits fehlt etwas. Andererseits ist etwas zu viel. Was zu viel ist, darüber will ich mich jetzt nicht äußern. Aber was fehlt?

Man muss die Übungen langsam steigern. Tori muss erlaubt werden, nach dem ersten Angriff sofort einen zweiten Schlag zu machen. Und nicht aus der Hüfte. Das macht kein realistischer Angreifer. Das ganze muss langsam ohne Ansage gesteigert werden. Und zwar aus allen Distanzen heraus. Zuvor muss man die Kata wieder als Grundlage nehmen und nicht „Grundschulmäßig schön“, sondern kampftauglich trainieren. Und auch nicht immer zusammenhängend, sondern die Techniken auch spiegelbildlich anders wie in der Kata üben. Man muss sie langsam üben und immer mit dem Gedanken dabei, was man gerade macht. Dabei muss uns klar sein, dass in den Kata auch manchmal Grundübungen enthalten sind. Außerdem sind auch noch technische Anhaltspunkte enthalten, deren Sinn man erst mit viel Übung erkennt.

Wenn man soweit ist, dann kann man die Partnerübungen schrittweise kampftauglich steigern. Das ist ein sehr weiter Weg. Ein solcher Experte, könnte auch in jeden Kampfkunstring steigen. Und er würde nicht nur einen Pfauentanz aufführen.

Wenn man auf diese Weise Kata analysiert, hat man einen wahren Schatz an Trainingsmöglichkeiten die uns Karate lehren, ohne sich planlos die Mappe vollzuhauen, in der Hoffnung, dass man nach einer Zeit voller Torturen etwas dazugelernt hat.

Dieser fehlende Bereich muss geschlossen werden. Schlimm ist, wenn man diese Schwäche nicht erkennt und glaubt, man hätte das rettende Ufer erreicht. Wenn man aber diese Fehler erkannt hat, dann merkt man, dass man sein bisheriges Training etwas umstellen muss.

Diesen Weg muss aber jeder irgendwann alleine gehen. Denn es scheint nicht sehr viele Dojos zu geben, in denen so trainiert wird.

Wer Karate-Wettkampf trainiert, hat zumindest eine sehr gute Grundlage, im realen Kampf zu bestehen. Aber auch da ist vielerorts ein gewisses Umdenken notwendig.

Ich bin mir sicher, dass man das früher auf Okinawa wusste. Es wurde uns aber nicht alles erzählt.

Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern“.

Jonathan Swift (englisch-irischer Schriftsteller, Satiriker)

Mittwoch, 1. November 2017

Krasse Gegensätze in der Fitness

Es mag ein gesellschaftliches Problem sein, aber die Unterschiede in der Fitness sind manchmal enorm. Man erkennt, dass viele Frauen von 20 bis 50 in den Fitnesscenter trainieren bis der Schweiß fliest. Auch junge Männer, besonders auch Männer über 50, sind keine Seltenheit in solchen Studios. 
Und manche jungen Leute schnaufen, wenn sie die Treppe in den zweiten Stock hoch gehen müssen. 

Die ältere Generation scheint oftmals fitter zu sein, als so manche jungen Leute, deren einzige Bewegung allenfalls darin besteht, die Geocaching-Punkte zu finden. Auch eine falsche Ernährung ist oftmals Schuld an der körperlichen Negativentwicklung. Wenn Mamma nicht mehr kocht, wird die Dose auf gemacht, oder das Fastfood-Gericht wird gegessen. 

Dazu kommt noch in jungen Jahren eine rasend schnelle negative Körperentwicklung, die für sich spricht. Aber es sind natürlich nicht alle so. Aber bei sehr vielen geht die Entwicklung genau da hin; während andere jungen Leute im Studio oder im Sportverein, schwitzen, laufen, rennen und Gewichte heben. Ja, sogar über 70 jährige findet man in den Sportvereinen und Sportstudios. Ich selbst bin 61 und weiß wovon ich rede.

Und diese Unterschiede fallen scheinbar immer mehr auf. Auf der einen Seite wird Fitness gelebt bis ins hohe Alter. Auf der anderen Seite spezialisiert man sich schon in jungen Jahren zum Krankheit empfindelten Menschen, der durch seine Krankheitssuche bei sich selbst, die Wehwehchen anzieht und tatsächlich auch empfindet.

Die Ursachen hierzu liegen scheinbar in einer jahrelangen gesellschaftlichen Fehlentwicklung, die dem Konsumenten vorgaukelt wie toll und Glamour das Leben ist; und was man haben muss um da mitzuhalten. Bevor man gelernt hat Geld zu verdienen, haben viele junge Leute gelernt es auszugeben. Am Ende dieses Weges öffnet sich eine Tür, die nicht ins gewohnte und erwartete Glitzerparadies führt, sondern in eine graue trostlose Wirklichkeit, deren „Augenöffnung“ nervlich extrem belastend und schmerzhaft ist. Zu tausenden rennen sie dann zu Dieter Bohlen in die Talentshows und erwarten, dass sich die Tür zur Starbühne doch noch öffnet.

Was bei vielen bleibt, ist ein Schuldenberg und eine Resignation, die zum abendlichen Fernsehschauen als Hauptbeschäftigung zwingt. Wer denkt da schon an einen Sportverein? Man ist froh, wenn der Kühlschrank nicht leer ist. Und ein besonderes Phänomen ist, obwohl es finanziell eigentlich nicht machbar ist, rauchen diese Leute sehr viel und sie haben Haustiere.

Wer Karate-DO lebt, der hat nicht gelernt aufzugeben. Karate-Do findet auch außerhalb des Dojos statt. 
Zwei von Funakoshis Regeln sagen das aus:
  • Regel 8: Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet.
  • Regel 10: Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.

Wer Karate lebt, hat gelernt zu kämpfen. Und kämpfen muss man im ganzen Leben; nicht nur im Dojo. 
  • Resignation ist am Anfang vielleicht einfach. Am Ende ist sie erdrückend.
  • Der Kampf ist am Anfang schwer. Am Ende kann er zum Erfolg führen.

Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Das ist eine Lebensweisheit, die scheinbar immer mehr dem Konsum zum Opfer fiel. 

Wer den Hintern nicht hochbekommt, der schadet nicht nur sich selbst, seinem Körper und seinem Geist; er schadet auch den Menschen, die ein Herz für jemanden haben.

Wer Karate-Do lebt, der lebt vielen anderen etwas vor. Besonders dann, wenn er auch im fortschreitenden Alter nicht aufgibt.

Ossu
Rüdiger Janson