Montag, 30. Oktober 2017

Kampfkunst Karate, und die Sache mit dem Adrenalin und der Realität

Die Suche nach dem richtigen Weg im Karate, scheint nie zu enden. Viele Karatekas glauben ihn gefunden zu haben, und rücken von ihrer Ansicht nicht mehr ab.

Jonathan Swift (englisch-irischer Schriftsteller, Satiriker) sagte einmal: Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern“.

Zitat aus Leere Hand, S. 121 Kenei Mabuni
Auf Okinawa begann man sofort mit dem Training der Kata. Was ein Stoß oder Block war, wusste man gar nicht. Solche Unterscheidungen kamen einem gar nicht in den Sinn. Man übte einfach nur Kata. Die Ausbildung war sehr ganzheitlich auf das Fließen von Angriffs- und Verteidigungsbewegungen konzentriert.

Søren Kierkegaard (dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller 1813-1855) schrieb: „Wenn du mir einen Namen gibst, verneinst du mich, in dem man mir einen Namen, eine Bezeichnung gibt, verneinst du all die anderen Dinge, die ich vielleicht sein könnte. Du beschränkst das Teilchen etwas zu sein, in dem du es fest nagelst, es benennst, aber gleichzeitig erschaffst du es, definierst es, zu existieren. Kreativität ist unsere höchste Natur, mit der Schaffung der Dinge, entsteht auch Zeit, welche die Illusion in der Solidität erschafft."
Dann schrieb er weiter:
„Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansicht falsch ist. Menschen, die recht haben, stehen meistens allein.“

Zitat aus Karate-Do Kyohan
Dennoch muss betont werden, dass Sparring nicht ohne die Kata existiert, sondern um die Kata zu üben, also sollte es natürlich keinen verderblichen Einfluss vom Sparring auf die geübte Kata geben. Wenn sich jemand für Sparring begeistert, gibt es eine Tendenz dass seine Kata (Form Technik) schlecht wird. Karate sollte, um das abschließend nochmal zu sagen, geübt werden mit Kata als Hauptmethode und Sparring als unterstützende Methode.

Eine Weisheit die auf Itosu Yasutsune zurückgeht heißt, dass man sehr lange, und sehr viel Übung braucht, um Karate zu entdecken. Dann spricht Itosu von einer Art Veränderung des Körpers. 
Werner Lindt benutzte folgende Formulierung und Übersetzung: „Nach Jahren der nicht nachlassenden Bemühung wird sein Körper eine große Umwandlung zeigen und ihm die wahre Essenz des Karate enthüllen.“ Wie auch immer das zu übersetzen ist; es ist offenbar so zu verstehen, dass man irgendwann, nach langem Training, Karate entdeckt. Davon sprach auch Shigeru Egami.

Und nun suchen wir den Weg nach diesen Angaben!

Der Irrtum, den ein König ausspricht, wird zur Wahrheit. Die Wahrheit die ein Untergebener ausspricht, wird zum Irrtum.

An den Wänden der Dojos hängen die Bilder der Leute, die diese alten Weisheiten im Karate lehrten. In unseren Lehren aber ist die Weisheit neuer Könige, die ihnen folgten. Das „Alte“ wird zum rhetorisch geschickt verpackten Irrtum, der heute nicht mehr zählt.
Plötzlich erzählt ein Trainer etwas, dass in keinem Buch steht und dass er von keinem anderen Trainer gelernt hat. Es ist eine „Kampf-Weisheit“ die ihm im Moment logisch erscheint. Und wenn es sich um einen großen Meister handelt, verbreitet sich diese Logik auch schnell. So rückten wir immer weiter ab vom „DO“ der alten Meister.

Nicht die Analyse, sondern die Verbindung zum Kampf war in ihren Kata wichtig. Sie nutzten keine Namen für Techniken. „Wenn Du mir einen Namen gibst, verneinst Du mich …“

Man sollte beachten, dass man die bestehende angeborene Automatisierungsbewegungen des Körpers (Motorik, Koordinationsfähigkeit und Reflexe) nicht zwangsweise ändern, sondern fördern sollte. Auch Funakoshi lehrte: "Wir dürfen der Natur nicht widersprechen".
(Quelle: shotokai.com/ingles/filosofia/strength.html)

Somit wird Kata zum Fundament, auf dem alles andere aufgebaut ist. Es gibt keine Säulen im Karate. Alles ist miteinander verbunden.

Man sollte beim Training die Natur so belassen wie sie in jedem Karateka steckt. Stattdessen schreibt man ihnen vor, wie ihre Natur zu sein hat. Wer das wirklich umsetzt, der muss sich nicht wundern, wenn seine Kampfkunst im Rückwärtsgang fährt. Die Technik, die wir in den Kata haben, muss dem Karateka gefallen; nicht dem Sensei. Der Sensei sollte nur soweit einschreiten, bis die Technik wirkt. Der Sensei sollte den Schüler die Technik entdecken lassen. Stattdessen hält man sehr oft die Schablone daneben. Eine Technik die nach modernen Ansichten schön aussieht, muss nicht wirkungsvoll sein. Wirkungsvoll ist sie dann, wenn man die Wirkung wirklich empfindet. Das ist die Grundvoraussetzung, um mit den erlernten Techniken kämpfen zu können.
Nun hat man zwei Möglichkeiten kämpfen zu lernen.

1. Learning by doing. Nach Säulen getrennt.
2. Lernen aus den Techniken, die in den Kata enthalten sind.

Der zweite Weg ist lang. Aber man bemerkt durchaus eine Veränderung. Es ist ein besonderes Phänomen; aber die Techniken die man braucht, sind in der Notsituation plötzlich da. Ob es ein Test im Dojo ist, der uns widerfährt. Oder ein Irrtum im Training. Der Block ist plötzlich da, ohne dass wir wussten wie das geschah. Bei der genauen Vorgabe eines Sensei mit Partner, muss das nicht mehr funktionieren. Denn da arbeitet man wieder mit der Schablone.

Nun kommt es sehr oft vor, dass es „Technik-Meister“ gibt, die im Kampf versagen. Oder es gibt „Technik-Meister“, die über einige Spezialtechniken verfügen, die im Wettkampf gut funktionieren. Aber das ist nur ein Teil des Ganzen. Da fehlt noch etwas.

Kaneshima: "Die Kamae ist formlos und die Abwehr ist formlos. Man muss sich immer im Zustand der Bereitschaft befinden und sich aus jeder Position, gleich was man gerade tut, verteidigen können. In einem echten Kampf ein Kamae einzunehmen, bedeutet die sichere Niederlage. Die angewendeten Techniken müssen spontan und natürlich sein und nicht vorher überlegt.
KANESHIMA SHINSUKE

Und von genau dieser Lehre, sprachen die „alten Meister“. Aus der Kata kämpfen lernen. Und das auf einem möglichst natürlichen Weg. Da brauchen wir keine Schablonen, sondern das Gefühl, dass es wirkt. Denn wenn es nach der Schablone stimmt, aber das Gefühl fehlt, dann versagt die Technik im Notfall.

Und nun kommt noch ein weiterer Schritt hinzu.
Diese erlernten Fähigkeiten aus den Kata müssen in jeder Situation wirken. Und zwar mit einem solchen Ergebnis, dass ein Gegner nicht mehr weiter machen kann.

„Learning by doing“ endet da, wo Funakoshi es sah: "Wenn sich jemand für Sparring begeistert, gibt es eine Tendenz, dass seine Kata (Form Technik) schlecht wird."
Im Kapitel „Einführung“ von „Karate-Do Kyohan“ steht außerdem folgendes:
Es gibt extreme Fälle, in denen Schüler ermutigt wurden, ihr Karate in Schlägereien weiterzuentwickeln. Solche Ermahnungen wie : “Du kannst deine Techniken nie verbessern oder verfeinern ohne sie in einigen Kämpfen wirklich angewendet zu haben” oder “Wenn du nicht so-oder-so schlagen kannst, solltest du das Karatetraining besser völlig aufgeben” schädigen den Ruf des Karate-dô. Solche Aussagen zeigen jedoch nur das mangelnde Verständnis derer, die überhaupt nichts von Karate-dô wissen. Richtig verstanden, gelehrt und praktiziert im wahren Geist des Karate-dô ist diese Kunst nicht nur das Gegenteil einer vorhandenen Gefahr, sondern sie ist in Wahrheit eine mit wenigen anderen zu vergleichende vollkommen edle Kampfkunst (Budô).

„Lerning by doing“ oder Lernen mit Hilfe der Kata? Jedem das Seine. Wer es aber verstanden hat, der kennt die Antwort. Diese Antwort ist ganz einfach: Dem Karate-Do vertrauen; sofern man "Do" wirklich gefunden hat. 

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