Montag, 30. Oktober 2017

Kampfkunst Karate, und die Sache mit dem Adrenalin und der Realität

Die Suche nach dem richtigen Weg im Karate, scheint nie zu enden. Viele Karatekas glauben ihn gefunden zu haben, und rücken von ihrer Ansicht nicht mehr ab.

Jonathan Swift (englisch-irischer Schriftsteller, Satiriker) sagte einmal: Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern“.

Zitat aus Leere Hand, S. 121 Kenei Mabuni
Auf Okinawa begann man sofort mit dem Training der Kata. Was ein Stoß oder Block war, wusste man gar nicht. Solche Unterscheidungen kamen einem gar nicht in den Sinn. Man übte einfach nur Kata. Die Ausbildung war sehr ganzheitlich auf das Fließen von Angriffs- und Verteidigungsbewegungen konzentriert.

Søren Kierkegaard (dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller 1813-1855) schrieb: „Wenn du mir einen Namen gibst, verneinst du mich, in dem man mir einen Namen, eine Bezeichnung gibt, verneinst du all die anderen Dinge, die ich vielleicht sein könnte. Du beschränkst das Teilchen etwas zu sein, in dem du es fest nagelst, es benennst, aber gleichzeitig erschaffst du es, definierst es, zu existieren. Kreativität ist unsere höchste Natur, mit der Schaffung der Dinge, entsteht auch Zeit, welche die Illusion in der Solidität erschafft."
Dann schrieb er weiter:
„Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansicht falsch ist. Menschen, die recht haben, stehen meistens allein.“

Zitat aus Karate-Do Kyohan
Dennoch muss betont werden, dass Sparring nicht ohne die Kata existiert, sondern um die Kata zu üben, also sollte es natürlich keinen verderblichen Einfluss vom Sparring auf die geübte Kata geben. Wenn sich jemand für Sparring begeistert, gibt es eine Tendenz dass seine Kata (Form Technik) schlecht wird. Karate sollte, um das abschließend nochmal zu sagen, geübt werden mit Kata als Hauptmethode und Sparring als unterstützende Methode.

Eine Weisheit die auf Itosu Yasutsune zurückgeht heißt, dass man sehr lange, und sehr viel Übung braucht, um Karate zu entdecken. Dann spricht Itosu von einer Art Veränderung des Körpers. 
Werner Lindt benutzte folgende Formulierung und Übersetzung: „Nach Jahren der nicht nachlassenden Bemühung wird sein Körper eine große Umwandlung zeigen und ihm die wahre Essenz des Karate enthüllen.“ Wie auch immer das zu übersetzen ist; es ist offenbar so zu verstehen, dass man irgendwann, nach langem Training, Karate entdeckt. Davon sprach auch Shigeru Egami.

Und nun suchen wir den Weg nach diesen Angaben!

Der Irrtum, den ein König ausspricht, wird zur Wahrheit. Die Wahrheit die ein Untergebener ausspricht, wird zum Irrtum.

An den Wänden der Dojos hängen die Bilder der Leute, die diese alten Weisheiten im Karate lehrten. In unseren Lehren aber ist die Weisheit neuer Könige, die ihnen folgten. Das „Alte“ wird zum rhetorisch geschickt verpackten Irrtum, der heute nicht mehr zählt.
Plötzlich erzählt ein Trainer etwas, dass in keinem Buch steht und dass er von keinem anderen Trainer gelernt hat. Es ist eine „Kampf-Weisheit“ die ihm im Moment logisch erscheint. Und wenn es sich um einen großen Meister handelt, verbreitet sich diese Logik auch schnell. So rückten wir immer weiter ab vom „DO“ der alten Meister.

Nicht die Analyse, sondern die Verbindung zum Kampf war in ihren Kata wichtig. Sie nutzten keine Namen für Techniken. „Wenn Du mir einen Namen gibst, verneinst Du mich …“

Man sollte beachten, dass man die bestehende angeborene Automatisierungsbewegungen des Körpers (Motorik, Koordinationsfähigkeit und Reflexe) nicht zwangsweise ändern, sondern fördern sollte. Auch Funakoshi lehrte: "Wir dürfen der Natur nicht widersprechen".
(Quelle: shotokai.com/ingles/filosofia/strength.html)

Somit wird Kata zum Fundament, auf dem alles andere aufgebaut ist. Es gibt keine Säulen im Karate. Alles ist miteinander verbunden.

Man sollte beim Training die Natur so belassen wie sie in jedem Karateka steckt. Stattdessen schreibt man ihnen vor, wie ihre Natur zu sein hat. Wer das wirklich umsetzt, der muss sich nicht wundern, wenn seine Kampfkunst im Rückwärtsgang fährt. Die Technik, die wir in den Kata haben, muss dem Karateka gefallen; nicht dem Sensei. Der Sensei sollte nur soweit einschreiten, bis die Technik wirkt. Der Sensei sollte den Schüler die Technik entdecken lassen. Stattdessen hält man sehr oft die Schablone daneben. Eine Technik die nach modernen Ansichten schön aussieht, muss nicht wirkungsvoll sein. Wirkungsvoll ist sie dann, wenn man die Wirkung wirklich empfindet. Das ist die Grundvoraussetzung, um mit den erlernten Techniken kämpfen zu können.
Nun hat man zwei Möglichkeiten kämpfen zu lernen.

1. Learning by doing. Nach Säulen getrennt.
2. Lernen aus den Techniken, die in den Kata enthalten sind.

Der zweite Weg ist lang. Aber man bemerkt durchaus eine Veränderung. Es ist ein besonderes Phänomen; aber die Techniken die man braucht, sind in der Notsituation plötzlich da. Ob es ein Test im Dojo ist, der uns widerfährt. Oder ein Irrtum im Training. Der Block ist plötzlich da, ohne dass wir wussten wie das geschah. Bei der genauen Vorgabe eines Sensei mit Partner, muss das nicht mehr funktionieren. Denn da arbeitet man wieder mit der Schablone.

Nun kommt es sehr oft vor, dass es „Technik-Meister“ gibt, die im Kampf versagen. Oder es gibt „Technik-Meister“, die über einige Spezialtechniken verfügen, die im Wettkampf gut funktionieren. Aber das ist nur ein Teil des Ganzen. Da fehlt noch etwas.

Kaneshima: "Die Kamae ist formlos und die Abwehr ist formlos. Man muss sich immer im Zustand der Bereitschaft befinden und sich aus jeder Position, gleich was man gerade tut, verteidigen können. In einem echten Kampf ein Kamae einzunehmen, bedeutet die sichere Niederlage. Die angewendeten Techniken müssen spontan und natürlich sein und nicht vorher überlegt.
KANESHIMA SHINSUKE

Und von genau dieser Lehre, sprachen die „alten Meister“. Aus der Kata kämpfen lernen. Und das auf einem möglichst natürlichen Weg. Da brauchen wir keine Schablonen, sondern das Gefühl, dass es wirkt. Denn wenn es nach der Schablone stimmt, aber das Gefühl fehlt, dann versagt die Technik im Notfall.

Und nun kommt noch ein weiterer Schritt hinzu.
Diese erlernten Fähigkeiten aus den Kata müssen in jeder Situation wirken. Und zwar mit einem solchen Ergebnis, dass ein Gegner nicht mehr weiter machen kann.

„Learning by doing“ endet da, wo Funakoshi es sah: "Wenn sich jemand für Sparring begeistert, gibt es eine Tendenz, dass seine Kata (Form Technik) schlecht wird."
Im Kapitel „Einführung“ von „Karate-Do Kyohan“ steht außerdem folgendes:
Es gibt extreme Fälle, in denen Schüler ermutigt wurden, ihr Karate in Schlägereien weiterzuentwickeln. Solche Ermahnungen wie : “Du kannst deine Techniken nie verbessern oder verfeinern ohne sie in einigen Kämpfen wirklich angewendet zu haben” oder “Wenn du nicht so-oder-so schlagen kannst, solltest du das Karatetraining besser völlig aufgeben” schädigen den Ruf des Karate-dô. Solche Aussagen zeigen jedoch nur das mangelnde Verständnis derer, die überhaupt nichts von Karate-dô wissen. Richtig verstanden, gelehrt und praktiziert im wahren Geist des Karate-dô ist diese Kunst nicht nur das Gegenteil einer vorhandenen Gefahr, sondern sie ist in Wahrheit eine mit wenigen anderen zu vergleichende vollkommen edle Kampfkunst (Budô).

„Lerning by doing“ oder Lernen mit Hilfe der Kata? Jedem das Seine. Wer es aber verstanden hat, der kennt die Antwort. Diese Antwort ist ganz einfach: Dem Karate-Do vertrauen; sofern man "Do" wirklich gefunden hat. 

Freitag, 27. Oktober 2017

Der Bunkai-Code ist kein Geheimnis.

Informationen und Erfahrungen sammeln, funktioniert in etwa wie ein Kartenspiel. Man spielt Karten aus und bekommt Karten zurück. Ähnlich funktioniert das mit den Erkenntnissen in der Kampfkunst, die man über lange Zeit gewinnt und sammelt. 

Wir spielen unsere Karten aus und andere reagieren darauf, und spielen ihre Karten aus. Aber anders als bei einem Kartenspiel, handelt es sich bei den ausgespielten Karten nur um Kopien. Die Originale behalten wir immer auf der Hand. Man kann auch Karten kaufen. 
So sammeln sich die Karten, mit der Zeit, immer mehr an. Was wir nicht mehr gebrauchen können, sortieren wir aus. So wird unser Blatt immer wertvoller.

Nun gibt es aber auch „zementierte Erkenntnisse“. Das heißt, dass einige unserer Mitspieler glauben, dass ihr Blatt so gut ist, dass sie nur noch ausspielen, aber nichts mehr einsammeln müssen. 
Am Ende hat derjenige gewonnen, der das wertvollste Blatt in Händen hält.

So funktioniert das auch in Internet-Karategruppen. Man kann seine Erfahrungen preisgeben und erhält Erfahrungen anderer zurück. Das kommt uns im Training zugute.

Wer nun glaubt, dass zu viel geschrieben und zu wenig trainiert wird, der sitzt nicht einmal am Spieltisch.

Aber nur auf diese Weise kann man sein Blatt so wertvoll machen, dass man den so geheimnisvollen „Bunkai-Code“ knacken kann. Aber in Wahrheit ist es kein Code. Es ist nur ein Wissen, das man erst dann versteht, wenn man möglichst erfahren im Handwerk ist. Denn ein Handwerker, der nur geschickt mit den Händen ist, aber über wenig Erfahrung verfügt, wird schnell scheitern. Er kann zwar wunderbar schweißen und schrauben; aber er muss auch wissen was und wann er schweißt und schraubt. Sonst ist er immer auf die Angaben eines Vorarbeiters angewiesen.

Aber in der Kampfkunst haben wir keinen Vorarbeiter. Da ist jeder auf sich selbst angewiesen. Jeder muss sein eigener Vorarbeiter sein. Und wenn man einmal soweit ist, dann wird man bemerken, dass es gar keinen Bunkai-Code gibt. Es gibt nur das Handwerk, das man zu verstehen beginnt. Es gibt nur Karate-DO.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Wie viel Karate darf es denn im Kinder-Karate wirklich sein?

Als Karate gegen Ende des neunzehnten, und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde, veränderte Itosu Yasutsune einige der damals bekannten Okinawa-Kata. Itosu Yasutsune war einer der beiden Lehrer von Gichin Funakoshi, der zu Beginn der zwanziger Jahre Karate von Okinawa nach Japan brachte. 
Itosu Yasutsune änderte und vereinfachte die Kata seiner Schule. Fortan wurden die Pinan (später Heian) Kata auch, und zum ersten Mal, an den Schulen Okinawas gelehrt. Allerdings nahm er die kämpferischen Schwerpunkte heraus und ersetzte sie durch gesundheitlichen Aspekt.

Aus heutiger Sicht gesehen, ist das nur denjenigen wirklich bekannt, die sich etwas mit der Geschichte der Kata beschäftigt haben. Wenn man aber ein paar Jahre (Jahrzehnte) Erfahrung gesammelt hat, fällt einem auf, dass diese kämpferischen Aspekte nicht etwa verschwunden sind. Nein, sie sind noch da. Sie sind aber nur Leuten ersichtlich, die sich wirklich mit diesen Inhalten beschäftigt haben.

Man kann das schönste, das tollste und das sauberste Auto besitzen; es nützt nichts, wenn man nicht gut und verkehrssicher fahren kann.

Aus diesem Blickwinkel betrachten muss man sich fragen, wie viele dieser Inhalte, die man selbst irgendwann erkannt hat, man an die Jugend und an Kinder weitergeben kann. 
Es sind teilweise Techniken dabei, die eine verehrende Wirkung auf einen Gegner haben können. Somit hat man diese Techniken vielleicht etwas getarnt, sie sind aber noch da.

Daher vermeide ich es, alle Möglichkeiten offenzulegen. Mir geht es aber nicht nur um die Gesundheit; wie Itosu und Funakoshi es oftmals weiter gaben. Es geht mir um die Geschicklichkeit, um Selbstverteidigung und um den Einstieg für die Jahre, in denen sie älter und reifer werden.

Man sollte nicht so einfach Erfahrungen und Möglichkeiten weiter geben, für die man selbst 30 Jahre gebraucht hat. Hier muss ich mich ein klein wenig den Okinawa-Meistern anschließen, die ihre inneren Erkenntnisse nur bestimmten Schülern zeigten. Aber was für Kinder gilt, das gilt auch für neue Leute die mit Karate erst beginnen. Erst muss man die Leute besser kennen, ehe man ihnen die „schärferen Klingen“ einer Heian-Kata zeigt.
Kenne ich jemanden besser und länger, kann man immer noch zurück zu den Heian Kata gehen - was man ohnehin immer wieder machen soll – und ihnen die „schärferen Klingen“ zeigen.
Somit muss jeder selbst wissen, wie viel Karate es bei Kindern sein darf.

Bunkai: Das große Rätsel.

Wozu ist Bunkai eigentlich gut? Wozu ist Kata gut. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns ein Beispiel vergleichen. 

Vielleicht nehmen wir einmal das, was viele Leute mit Begeisterung täglich verwenden; das Handy.
Mit dem Handy kann man telefonieren. Man kann aber auch Navigieren. Man kann damit spielen, oder Geocaching betreiben. Man kann damit Sprachen übersetzen oder seine Dokumente immer dabei haben. Man kann sein Konto überwachen oder damit bezahlen. Man kann einen QR-Code lesen. Man kann sehr viele Dinge mit dem Handy machen. Man kann aber auch nur damit telefonieren.

Man kann eine Kata als Kampf gegen mehrere Gegner sehen, und dann im Bunkai, das alles mit Gegner zeigen.
Man kann aber auch mehr damit machen. Eine Kata ist nicht zum Kämpfen da, sondern zum Lernen, zum Trainieren und um seine Fähigkeiten zu erweitern und zu verbessern. Das bedeutet, dass Bunkai erst einmal eine Übung ist, die nicht unbedingt im realen Kampf bestehen muss. Bis es soweit ist, muss man das Handwerk erst lernen. Also ist Bunkai erst einmal eine Grundübung. Es muss aber eine Grundübung sein, die man ins Reale steigern kann.

Die Form darf nicht verändert werden. Der Kampf ist eine Ausnahme.
So in etwa kann man Gichin Funakoshis 18. Regel verstehen. 

Das bedeutet, dass man die Übung bis in den realistischen Kampf steigern kann und muss. Und genau da gibt es sehr viele Probleme. Diese Steigerung wird oft nicht erkannt.

Im Sommer 2017 habe ich auf einem Lehrgang, Teile der Jion mit Partner vorgeführt. Es gab Gruppen mit drei Leuten. Alle sollten diese Stelle auf ihre Weise interpretieren. Als ich an der Reihe war, ging ein Raunen durch die Reihen und der Referent fragte, wie lange ich schon in der Bronx wohne. Aber Karate muss auch in der Bronx funktionieren. Sonst ist es nur eine schöne Übung die zwar klasse aussieht, aber in der Realität versagt.

Um das zu erreichen, muss man diese Stellen in den Kata lange, langsam und intensiv üben. Man muss sie mit dem Ziel interpretieren, dass sie im „Schnellen“ funktioniert. 
So hat man genügend Zeit, eine solche Partnerübung in mehreren Stufen aufzubauen. Das kann von der genauen „Grund-Form“, bis zur veränderten und angepassten „Kampf-Form“ stufenweise gesteigert werden.
Am Ende entsteht ein Bunkai, das Kumite, Selbstverteidigung und Kata-Analyse in einem darstellt.

Man muss alles miteinander verbinden. Nur dann findet man den Weg („DO“).

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Stiloffenes Karate (SOK) Was ist das wirklich?

Ich möchte eine Sache zur Sprache bringen, die meiner Ansicht nach völlig falsch verstanden und falsch wiedergegeben wird.
Auch vom DKV. Denn in der folgenden Erklärung widerspricht sich der DKV an mehreren Stellen selbst.
  • Es wurde die Öffnung gegenüber aller Stilrichtung beschlossen.
  • Dann ist die Rede von einer „offenen Stilrichtung“.
  • Dann lesen wir, dass die Rahmenprüfungsordnung viele Möglichkeiten zu lässt, ohne dass jemand seine Stilrichtung verlassen muss.
  • Dann weiter, dass die Stilrichtungen dadurch nicht an Bedeutung verlieren. 
  • Die Vereine können jetzt mehrere Stilrichtungen melden.
  • Im Pass kann „stiloffen“ als Stilrichtung eingetragen werden.
  • Usw.

Das ist ein Durcheinander, das sich nicht nur selbst widerspricht, es versteht auch in Wahrheit keiner. Oder man versteht es falsch. Sogar die „Schaffer“ dieses Konzeptes, scheinen da nicht so recht durchzublicken. 

Was ist Stiloffenes Karate?

Es gibt kein Stiloffenes Karate. Es gibt eine Stiloffene Prüfungsordnung. Also eine Prüfungsordnung, die für viele Stilrichtungen offen ist. Darin steht, dass man seine Stilrichtung für die Prüfung angeben muss. Das heißt noch lange nicht, dass eine neue gemeinsame Stilrichtung entstanden ist. 

Aber gehen wir es langsam an. 

Der Liedermacher Raphael Gottlieb schreibt auf seiner Internetseite folgendes: 
Meine Musik ist durch die Bandarrangements deutlich stiloffener geworden, als sie noch zu Zeiten der Solokonzerte sein konnte. Die Einflüsse aus dem Countrybereich sind nun stärker zu spüren, aber auch Pop und Rockelemente haben Platz gefunden.

„Stiloffene Stilrichtung“, „offene Stilrichtung“, „Stilrichtungsfreie Stilrichtung“ oder Stilfreies Karate“; was ist das alles? 

Gibt es das im Karate. Gibt es eine solche „Stiloffene Stilrichtung“ die aus allem etwas herauszieht? Das gibt es derzeit nur beim fortgeschrittenen Karateka, der über den Tellerrand schaut. 
Was aber gibt es dann? Es gibt nur ein gemeinsames Prüfungskonzept. Und dort sind die Stilrichtungen immer noch getrennt. Es gibt also eine Prüfungsordnung die es ermöglicht, dass die Teilnehmer unterschiedlicher Stilrichtungen gemeinsam an einer Prüfung teilnehmen können. 

Eine offene Stilrichtung beschäftigt sich mit allen Kata und allen Stilrichtungen.
Doch das ist beides im Konzept der Prüfungsordnung nicht gemeint.

Diese Begriffe sind eigentlich gar nicht so schwer zu verstehen. Aber offenbar hat man nicht verstanden, was eine Stil offene Prüfung ist.

Aber ein wichtiger Punkt, der völlig übersehen wurde: Wenn es ein „Offenes Prüfungskonzept“ gibt, das es ermöglicht für viele Stilrichtungen Prüfungen zu machen; warum sollen sie ihre Stilrichtungen nicht als Prüfung angeben? Die Prüfung ist doch offen für alle Stilrichtungen. Warum wird dann SOK verwendet? Jemand macht seine Prüfung in der Stilrichtung Kobudo, und im Pass steht als Stilrichung nicht etwa Kobudo, sondern Stiloffen. 
Entweder das Prüfungsprogramm ist für die Stilrichtungen zugelassen oder nicht. Dann braucht man keine „Stilrichtung Stiloffen“. 

„Stiloffen“ ist aber keine Stilrichtung. Stiloffen ist nur ein gemeinsames Prüfungskonzept für verschiedene Stilrichtungen,

Und nun kommen wir zu einer weiteren Steigerung dieses Begriffes: 

"Stilrichtungsfreies Karate".
Mit diesem Begriff kann man nun wirklich gar nichts anfangen.
Es sei denn, man denkt an „Stilrichtungsfreie (bzw. Stiloffene) Lehrgänge“ oder „Stilrichtungsfreie (bzw. Stiloffene) Wettbewerbe“ Das würde zumindest beide Begriffe etwas erklären.

Aber was ist mit einer "freien Stilrichtung" gemeint?
Was Karate ist wissen wir. Was Stilrichtungen im Karate sind, wissen wir auch.
Was ist Karate, das frei von jedweder Stilrichtung ist?

Nimmt man es genau, wäre "Freies Karate" ähnlich vergleichbar mit freien Konzepten wie Beispielsweise das "Jeet Kune Do" von Bruce Lee. Das wäre ein "Freies Karate". 
Freies Karate wäre also eine gemischte Stilrichtung, die beispielsweise auf Selbstverteidigung aufgebaut ist. 
Aber das ist weit von der Prüfungsordnung des Stiloffenen Konzepts entfernt.

Stiloffenes Karate ist also nicht vorhanden.
Darum dürfte es nicht SOK oder SFK heißen, sondern SOP für „Stiloffene Prüfung“. (Mehr nicht)

Eines muss dabei aber klar sein: Es spielt für das Endergebnis überhaupt keine Rolle ob es eine „Stil offene Prüfung“, oder „Stil geschlossene Prüfung“ war. Auch dann nicht, wenn es sich bei der „Stil offenen Variante“ um ein anderes Konzept handelt, das für einige Zielgruppen besser geeignet ist.

Ein weiterer Punkt ist die Prüfung zum 5. DAN im „Stiloffenen Prüfungsprogramm“.
Es ist schon sehr verwirrend und sehr merkwürdig. Denn zum 5. DAN muss man eine „Stilrichtungsfremde Kata“ zeigen. Man müsste also fragen: Gibt es bei Stilrichtungsoffenem (bzw. Stilrichtungsfreiem) Karate überhaupt eine "Stilrichtungsfremde Kata“? Wenn man „Stiloffen“ als Stilrichtung sieht; was ist dann Stilrichtungsfremd? Man kann also gar keine "Stilrichtungs fremde Kata" zeigen; weil es im Stil offenen (freien) Karate keine "Stil fremde Kata" gibt.

Im Grunde genommen ist das Stiloffene Prüfungsprogramm eine tolle Idee. Weil Karate sehr vielseitig wurde, und man auf die verschiedenen Bedürfnisse und Leistungspotenziale besser eingehen kann. Das nur nebenbei bemerkt.
Aber da bleibt trotzdem die Frage offen: Was versteht der DKV unter „Stil offenem Karate“ oder „stilrichtungs freiem Karate“? Wenn man weit genug vorangekommen ist, schaut man auch über den Tellerrand. Man denkt dann "Stiloffen" oder "Stilfrei". Aber zu Beginn einer Karate-Laufbahn braucht man eine Richtung; einen Stil. Und Karatestile werden von Karate-Meistern entwickelt. Das ist eine Lebensaufgabe, die ein Verband nicht einfach so, in einer Versammlung beschließen kann.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Karate macht sich lächerlich

Chinesische Mönche und die verbotenen Waffen.

Mein Gott: Ich habe folgenden Satz mehrere Male im Internet gefunden. Immer der gleiche Satz; auf zahlreichen Karate-Seiten. 

Zitat:
"Karate ist eine Kampfkunst, dessen Ursprünge bis etwa 500 Jahre n. Chr. zurückreichen. Chinesische Mönche, die keine Waffen tragen durften, entwickelten aus gymnastischen Übungen im Lauf der Zeit eine spezielle Kampfkunst zur Selbstverteidigung." 
Zitat Ende.

Sie kopieren diesen Satz immer und immer wieder und fügen ihn auf zahlreichen Karate-Internetseiten ein. Sie können eine "vermutetes Waffenverbot auf Okinawa" nicht von den Chinesischen Shaolin Mönchen unterscheiden. Wenn man jetzt noch "Bauernwaffen" ins Spiel bringt, wird die Verwirrung unkontrollierbar; und endlose Diskussionen entstehen. Und es wird immer schön am eigentlich wichtigen Thema vorbei diskutiert.  

Das Hintergrundwissen ist im deutschen Karate katastrophal. Man muss ja kein Experte sein. Aber wenn man keine Ahnung hat, sollte man auch nicht so etwas Absurdes erzählen. 

Jeder, der sich auch nur annähernd mit Kampfkunst auskennt weiß, dass die Chinesischen Mönche Waffenexperten waren; und heute noch sind.

Infos hierzu findet man auf zahlreichen „Kung Fu Seiten“.

Das deutsche Karate wird zur Lachnummer. 
Denn wenn solch ein Unsinn erzählt wird, kann es mit dem technischen Wissen auch nicht weit her sein. Denn wenn es nicht aus der Geschichte überliefert wurde, dann muss es selbst erfunden sein. Überliefert wurden nur fast leere Behälter, die mit etwas Grundwissen gefüllt sind. Vielleicht ist es nicht wichtig ein Geschichtsexperte zu sein, um Karate zu lernen; jedenfalls was wir darunter verstehen. Aber wenn man die Lehren der Vergangenheit begreifen will, muss man zwangsweise auch etwas über diese Vergangenheit wissen. 
Das Grundwissen eines Computers, zum Beispiel, ist zwangsweise mit der Geschichte der Computer verbunden. 
Auch in anderen Bereichen geht es nicht ohne das Geschichtswissen; denn aus den Erfahrungen heraus entstehen neue bessere Methoden. Ignoriert man diese Erfahrung, muss man eigene Grundlagen schaffen. 
In der Medizin würde jeder Herzchirurg die Erfahrungen seit Professor Bernard ignorieren und eigene Erfahrungen sammeln. Dieses Verhalten hätte jeden Fortschritt gestoppt.  
Beachtet man das nicht, verzichtet man auf die Weiterentwicklung jeglicher Erkenntnisse. 

Wir wundern uns heute über geschichtliche Geheimnisse, mit denen man die Pyramiden oder Bauwerke in Südamerika errichtete. Weil wir uns das nicht vorstellen können, und es keine geschichtliche Weiterentwicklung gab – wegen der Geheimhaltung oder Katastrophen – werden meist Aliens im Spiel gebracht. 

Gibt man es nur von Lehrer zu Lehrer weiter, entsteht so etwas wie „Stille Post“ (oder Flüsterpost genannt). 
Was das dann für Veränderungen nach sich zieht wissen wir alle.  
Darum ist es wichtig, auf dem Fundament alter Erfahrungen aufzubauen. Und daher ist es eben notwendig, dass man in Geschichte nicht die Note 6 hat. 

Was entsteht - wenn man das ignoriert - ist ein „neuzeitlich eigen erarbeitetes Denken“, das immer wieder, und in unterschiedlichen Dojos, neue Erkenntnisse einbringt, die nicht auf der Erfahrung früherer Arbeiten beruht. Die Rechtfertigung besteht dann auf eigenen logischen und argumentativen Grundlagen, die nach eigenem Ermessen entstehen. 

Was im Karate übrig bleibt, wenn man das nicht beachtet, ist ein Olympischer Hochleistungssport, der Akrobatik, Ausdauer und Schnelligkeit erfordert. Aber was ist dann mit der Kampfkunst?

Was ist, wenn das Bild von Gichin Funakoshi überall aushängt, man aber so gut wie nichts über ihn weiß? Was verehrt man da eigentlich? Und was versteht man von dem Karate, nach dessen Geschichte wir gefragt werden. 

Wir prahlen damit, dass Karate uralt ist. Wir hängen Bilder von den Stilrichtungsgründern aus; ignorieren aber bereits deren Geschichte und deren Lehren. 

So wird Kime, Hikite und Kihon in einem neuen Gewandt präsentiert, das auf diesem wackeligen Grundwissen der Geschichte des Karate besteht.
Aber nicht nur diese Dinge stehen auf einem wackeligen Fundament. Nein. Auch das Ansehen des Karate leidet darunter. Wer kann denn Karate noch ernst nehmen, wenn auf höchster Ebene die Note 6 in Geschichte geschrieben wird.

Für uns ist aber eines wichtig: Wie viel Hintergrund- und Geschichtswissen muss ins Karate?
Es kann definitiv nicht sein, dass ein hoch graduierter und auch ein erfolgreicher Karateka, im Regional-Fernsehen die Story vom „Waffenverbot der Mönche“ erzählt. 

Jeder „Kung Fu Mann“ schreit sich weg vor Lachen.

Hier muss etwas geschehen. Denn „Copy & Paste“ hat bereits genug Schaden angerichtet. 

...
Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.
Johann Wolfgang von Goethe
  deutscher Dichter (1749 - 1832
...
Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die im Irrtum verharren, das sind die Narren
Friedrich Rückert
deutscher Dichter (1788 - 1866)
...
Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern.
Jonathan Swift
englisch-irischer Schriftsteller,  Satiriker
...

Sonntag, 15. Oktober 2017

„Kata“ ist nur ein Name.

Eine Kata ist wie eine Flasche Wein. Sie kann von außen schön sein. Aber es kommt auf den Inhalt an.  
Gilbert Gruss bei einem SV-Lehrgang in Mannheim. 

Und da muss man sich die Frage stellen, ob Namen und Bezeichnungen wie Schall und Rauch sind. Man muss sich das fragen, weil wir nicht mehr wissen, was man im 19. Jahrhundert, und davor, unter der Bezeichnung Kata wirklich verstanden hat. 

Kata ist nur ein Name; wie eine Weinflasche nur ein Gefäß ist. Wir haben dieses Gefäß neu gefüllt und uns dabei nicht an das Rezept gehalten. Vermutlich trinken wir den „Kata-Wein“ sogar aus einem Bierglas. 
Wir tun es, weil wir es für richtig halten. Und wir tun es, weil andere es auch so machen. Und wir ignorieren oder belächeln den, der den „Kata-Wein“ aus einem Weinglas geniest.

Die alten Traditionen waren nicht falsch, weil wir es heute besser zu wissen glauben. Funakoshis Bilder hängen in vielen Dojos und auf Lehrgängen aus. Aber im Regionalfernsehen erzählt dann schon mal ein erfolgreicher Karateka, dass Karate entstanden ist, weil die Shaolin-Mönche keine Waffen tragen durften. Und die Biografie und die Lehren Funakoshis kennen und verstehen auch nur wenig Karateka. 

Kata ist nur ein Behälter der immer wieder neu gefüllt wird. Manchmal wird der Behälter auch gar nicht gefüllt. Manchmal ist nur Wasser darin enthalten oder etwas anderes was, mehr schlecht als recht, zusammengebraut wurde. 

Ein guter Wein muss lange lagern bis er wertvoll ist. Mit der Kata ist es ähnlich. Die wertvollen Kata sind da. Aber wir können sie nicht finden. Wir nehmen zu oft eine einfache Flasche, kleben ein Etikett drauf und füllen etwas hinein von dem wir glauben, dass es dem Rezept entspricht. 

Dabei ist es so einfach. Wenn man versucht einen eigenen Wein herzustellen, der besser ist als alle anderen alten Weine je waren; dann kommt man plötzlich auf das alte Rezept, als die Kata entstanden sind. 
Man sollte also nicht versuchen etwas zu kopieren. Man sollte versuchen etwas Eigenes zu erzeugen, das noch viel besser ist. Und man sollte es immer mit „dem Alten“ vergleichen. Irgendwann hat man dann das Geheimnis verstanden, nach dem alle Kata entstanden sind. 
Die alte Zauberformel, die auf alles passt. Es gibt sie. Wenn man die verstanden hat, versteht man alle Kata. Und man kann guten Wein erzeugen.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Techniken und ihre Risiken

Schon oft habe ich gehört, dass jemand sagte, dass er dem Gegner doch nicht den Rücken zuwendet. Es ging dabei um eine Technik, die über den Rücken gemacht wird. Nun, in den Kata gibt es diese Techniken auch. Aber es ist immer eine Frage, ob sie auch angebracht sind. Wenn man es genau nimmt, könnte man Techniken nach folgenden Schwerpunkten analysieren. 

Risiko
Zeit
Wirkungsgrad
Akrobatik
Nutzenergie

Risiko
Jede Technik hat einen gewissen Grad an Risiko. Man geht immer, mehr oder weniger, ein Wagnis ein. Man sollte aber diese Risiken immer genau abwägen und bedenken. Während eines Kampfes kann man das nicht; dazu bleibt keine Zeit. Es ist also nur im Training möglich dies zu tun. Hier ist es wichtig was und wie wir etwas trainieren. Der Gegner sucht nach Schwachstellen. Wenn man eine schwierige und komplizierte Technik anwendet, ist das Risiko umso größer. Techniken über den Rücken (z.B.) müssen wirklich einen Sinn ergeben oder wirklich notwendig sein. Man sollte das Risiko immer so klein wie möglich halten. Ja, man sollte lernen das Risiko zu fürchten. Nicht nur der Gegner ist zu fürchten; nein, auch unsere Bereitschaft zu experimentieren um gut auszusehen. Es geht nicht darum mit einer ganz tollen Technik den Helden zu spielen. Es geht ums Überleben. Man sollte das Risiko niemals unterschätzen, das man eingeht. Darüber sollte man sich aber schon im Dojo bewusst sein. 

Zeit
Natürlich braucht jede Technik ihre Zeit, wenn es auch nur Bruchteile von Sekunden sind. Daher ist es immer ratsam, keine Experimente zu machen. Man darf wirklich keine Zeit verlieren. Was im Dojo, oder auf der Budo-Bühne, toll aussieht, kann im wahren Kampf einem geschickten Gegner Tür und Tor öffnen. Es gibt Techniken, mit denen man Zeit gewinnen kann. Und es gibt Techniken, mit denen man Zeit verliert, wenn sie nicht angebracht sind. Es muss klar sein, wenn der Partner im Dojo in einem Angriff stehen bleibt; in einem echten Kampf macht das niemand. Alles was dauerhaft gegen diese Erkenntnis trainiert wird, ist nicht förderlich, sondern schädlich. 

Ergebnis
Das Ergebnis hängt in erster Linie erst einmal davon ab, ob eine Technik im realen Kampf überhaupt funktioniert. Man darf sich hier nichts vormachen. Im Training muss man immer mit dem Gedanken im Hinterkopf trainieren, als ob man einen wirklichen Gegner vor sich hat. Man muss wissen, ob man für das Publikum auf der Tribüne, oder für die Selbstverteidigung trainiert. Man muss sich auch fragen was man damit erreicht; und wie geht es weiter. In welcher Lage befindet man sich nach der Technik, die man angewendet hat. Wenn beide auf dem Boden liegen und der Gegner zwar unter Kontrolle oder verletzt ist nützt es nichts, wenn ein zweiter Gegner auftaucht. Das Publikum applaudiert; der zweite Gegner aber nutzt die Situation voll aus. 

Akrobatik
Man wird ja auch älter. Dann ist es ohnehin vorbei mit der Akrobatik. Aber Akrobatik verstößt meist über die drei vorher genannten Punkte. Manchmal lässt man sich von Film, Show und Fernsehen in eine „Supermann-Welt“ entführen, die eine falsche Begeisterung vermittelt. Das mag alles irgendwo funktionieren. Aber muss man eine Dose wirklich im Schraubstock mit der Metallsäge öffnen? Die Techniken einer Kampfkunst müssen in erster Linie so vermittelt werden, dass sie jeder möglichst kann. Und jeder sollte nur die Techniken wirklich üben, die er auch wirklich in einem echten Kampf beherrschen kann. Der Salto rückwärts gehört nicht dazu. Wenn man über akrobatische Fähigkeiten verfügt, ist das eine tolle Sache. Es darf aber niemals zur Voraussetzung werden. Und wenn man so etwas macht, dann muss man es genau so gut können, wie die leichteste Technik die es gibt. Wenn nicht; dann lasst es sein. 

Nutzenergie
Nun muss man auch mit der Kondition haushalten. Keiner weiß wie lange eine Gefahrensituation dauert. Jedes energieraubende Verhalten ist in einer echten Gefahrensituation mehr als ungeschickt. Wenn die Kondition und die Konzentration durch Herumspringen und Kampfbalzverhalten im Eimer ist, dann kommt noch vom Gegner der erlösende „Bud Spencer Hammer“; der jede „Bruce Lee Imitation“ sofort beendet. Körperliche und Geistige Energie muss man kontrollieren, beherrschen und entsprechend einteilen können. Auch das ist eine Kunst für sich. Wer auf einem Lehrgang aus lauter falschem Ehrgeiz und falscher Angst seinen Partner zusammentreten muss, wird in einer wirklichen Kampsituation kläglich versagen. Man muss die Energie richtig nutzen können. In den 20 Regeln des Funakoshi Gichin heißt es in Regel 19: „Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell, alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.“


Effizient und Effektiv 
Letztendlich muss man sich die Frage stellen, was effizient und was effektiv bedeutet.
Effizient ist etwas, wenn es nur einen kleinen Aufwand benötigt. In unseren Beispielen also, wenn es ohne großes Risiko und ohne großen Aufwand, das beste mögliche Ergebnis erzielt. 
Effektiv ist alles, was ein gewünschtes Ergebnis erzielt. 
Nun sollte man sich entscheiden, ob man ein Akrobat ist, oder ein Durchschnittsmensch. Als Durchschnittsmensch sollte man das machen was man lernen und wirklich beherrschen kann.
Bevor man alles nutzen mag was effektiv sein kann, muss man erst einmal das beherrschen, was für jeden selbst effizient ist. 

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Das Gefühl und die Schablone.

Manchmal passt es nicht, mit der technischen Vorschrift. Nun ja, wenn man die vielen Kampfkünste und Stilrichtungen betrachten, dann ist das durchaus verständlich. Viele Techniken sind scheinbar gleich. Doch Routiniers sehen, dass es feine und wesentliche Unterschiede gibt. Aber was ist nun richtig und was ist falsch? Welcher Fußtritt ist der bessere?

Wir haben in den Kampfkünsten unsere Schablonen. Eine Abweichung hiervon wird als falsch betrachtet. Diese Abweichung kann aber in einer anderen Stilrichtung oder anderen Kampfkunst als gut und richtig angesehen werden.

Diese Gedanken brachten mich dazu, über zwei berühmte Meister nachzudenken, deren Geschichte vielen Kampfkunstbegeisterten bekannt ist.
Es sind die Geschichten von Okuyama Tadao und Miyamoto Musashi.

Okuyama Tadao war sich in vielen technischen Fragen nicht mit den damaligen japanischen Karate-Größen einig geworden. Er zog sich für eine Weile in die Einsamkeit der Berge zurück und suchte sein eigenes Karate-Do. Er wollte weg von den Schablonen, hin zur freien Bewegung.

Miyamoto Musashi war für seinen unorthodoxen Kampfstil bekannt. Er war der Sohn eines Samurai und schaute sich vieles von den Samurai und Rōnin ab, die in sein Dorf kamen. Er studierte viele Zweikämpfe. Im Kampf nutzte er oft zwei Schwerter.

Wer diese beiden Geschichten besser kennt und darüber gelesen hat erkennt, dass beide Meister irgendwann ihren eigenen Weg gefunden haben.
Unser Weg ist aber genau vorgegeben. Denn wir wollen Prüfungen bestehen. Da gibt es kein eigenes „Do“. Man ist in die Schablone gezwungen. Jetzt stellt sich die Frage, ob man sich bedingungslos dieser Schablone angepasst; oder ob man irgendwann eigene Wege findet und akzeptiert. Strebt man die nächste Prüfung an, oder ist das irgendwann eher zweitrangig geworden? Bruce Lee wüsste eine Antwort.

Immer und immer wieder sagt man uns, dass eine Technik anders gemacht wird. Es sind oftmals kleine Feinheiten, um die es geht. Unser Körper und unsere Fähigkeiten sagen aber etwas anderes. Wir haben inzwischen gelernt die entsprechende Technik sehr gut und schnell - ohne ständiges nachdenken über Feinheiten – effektiv zu gebrauchen. Dann kommt vielleicht noch der Spruch, dass man das im Taekwondo oder im „Wing Tsun“ so macht, aber nicht bei uns. (Oder umgekehrt)

Okuyama Tadao hatte damals den Gedan-barai ohne große Ausholbewegung gemacht. Bei den JKA-Leuten stieß er damit aber auf heftige Kritik.

Schablonen braucht man nur am Anfang. Wenn man besser ist, kann man darauf verzichten. Denn der Künstler braucht mehr freie Hand. Wie frei sind unsere Hände? Das ist eine Frage die sich jeder einmal stellen sollte.

Nun muss man sich fragen, wie solche Techniken überhaupt entstanden sind.
Erst einmal sind sie aus der Erfahrung heraus entstanden. Genau diese Erfahrung war Okuyama Tadao und Miyamoto Musashi wichtig. Beide waren große Kämpfer. Und so ist es auch damals beim Okinawa-Te gewesen. Die Kampfkünste aus chinesischer und japanischer Erfahrung, hat man mit eigener Erfahrung gemischt. So sind die Okinawa-Kata entstanden, die sich sehr von den Chinesischen Kampfstilen unterscheiden.

In unserer Zeit kamen „Logische Schlussfolgerungen“ hinzu, die auf wenig echter Kampferfahrung beruhen. Kata, Techniken und Trainingsmetoden wurden geändert und kaputtverbessert.  

Und dann kommt man irgendwann zurück zur eigenen Erfahrung die uns besagt, dass etwas anders, viel wirkungsvoller war, als man es mit einem Partner geübt hat.


Nun muss jeder selbst wissen, ob er einer Schablone hinterher läuft, oder den eigenen Weg (Do) sucht.