Samstag, 30. September 2017

Die Verbindung der Kata-Techniken.

Wir wandern einmal durch die Kata wie durch einen zoologischen Garten. Auf der Erde gibt es Millionen Tierarten. Und dennoch können wir sie zusammenfassen. 
Es gibt Tiere die im Wasser leben und Tiere die an Land leben. Und es gibt Tiere die fliegen können. Es gibt Raubtiere, Alles- und Pflanzenfresser. Man unterteilt sie in Säugetiere, Vögel, Amphibien, Reptilien, Fische, Insekten, Spinnentiere und Wirbellose Tiere.
So lassen sich viele Millionen Tiere einordnen. Sie werden unterteilt in Tierarten, Tierfamilien und Tiergattungen.
So werden Gemeinsamkeiten von vielen Millionen Tieren gefunden. 

Und genau so, müssen wir unsere wenigen Karate-Kata-Techniken unterteilen, und ihre Gemeinsamkeiten finden. 

Zitat aus dem Buch Karate-Do Nyumon:
Wenn man die etwas mehr als dreißig Kata betrachtet die wir üben, wird man erkennen, dass sie im Wesentlichen lediglich Variationen von nur einer Handvoll sind.
Gichin Funakoshi

Regel 18 von Funakoshi Gichin
十八、型は正しく、実戦は別もの.
Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono.
Die Kata darf nicht verändert werden, im Kampf jedoch gilt das Gegenteil.
Übe die Kata korrekt, der echte Kampf ist eine andere Angelegenheit.
Die Kata muss ohne Veränderung korrekt ausgeführt werden, im wirklichen Kampf gilt das Gegenteil.
Perform prescribed sets of techniques exactly; actual combat is another matter.
Perform Kata exactly; actual combat is another matter.
Führe die Formen (Kata) exakt aus. Der wirkliche Kampf, findet auf einer anderen Ebene statt.

Diese "andere Ebene" bedeutet, dass man den Techniken eine "Kampf-Variante" lassen muss, die von der Grundform abweichen darf. Im Grunde genommen ist es ganz simpel. Man findet diese Gemeinsamkeiten, wenn man die verschiedenen Kata einer Stilrichtung trainiert. 

Techniken nach außen oder innen. Jodan, Chudan, Gedan.
Drei Techniken (Kombinationen) nach vorne.
Beidhandtechniken Jodan, Chudan, Gedan.
Im Grunde genommen kann man vieles in einer beidhändigen oder einhändigen Kreisbewegung von außen nach innen, und von innen nach außen, zusammen fassen. Hieraus entstehen die Variationen.

Solche Gemeinsamkeiten in den Kata muss man finden. wie bereits erwähnt, darf man dazu die Technik kampfbetont anpassen und verändern. (Im Kampf gilt das Gegenteil) 

Wenn man das verstanden hat, gruppiert man nicht nur Karatetechniken; nein, auch Kampfkünste verbindet man miteinander. 

Ihre Namen und Bezeichnungen sind wie Schall und Rauch. Was bleibt sind die Gemeinsamkeiten. Von diesen Gemeinsamkeiten gibt es zwar immer verschiedene Varianten, - (………….  Bitte, jetzt nicht wieder mit der Basis anfangen ……………….) aber je weiter man kommt in seiner Kampfkunst, umso mehr Verbindungen dieser Variationen findet man. 

Es gibt keine Wing-Tsun-Techniken im Karate. Auch wenn es so aussieht und immer wieder behauptet wird; es sind Karatetechniken. Diese Techniken haben Gemeinsamkeiten. Im Wing-Tsun gibt es auch keine Karatetechniken. Es gibt nur diese grundlegenden Gemeinsamkeiten. Solche Techniken können durchaus eine gemeinsame Geschichte haben; das muss aber nicht so sein. Und bitte jetzt NICHT von einer weltweiten Verwurzelung oder einer weltweiten gemeinsamen Entstehungsgeschichte sprechen. Das ist wirklich Unsinn. In Europa, Afrika und Amerika hatte man schon Kampftechniken lange bevor Marco Polo nach China gereist ist. Und so sind auch später außerhalb Asiens Kampftechniken entstanden, die nichts mit Shaolin zu tun haben. Dass ich so etwas überhaupt erwähnen muss, regt mich etwas auf. 

Richard Trevithick, Timothy Hackworth, William Hedley und George Stephenson waren Männer, die unabhängig voneinander an derselben Idee arbeiteten. Sie wollten die erste Dampflok auf die Schienen bringen. Und so war es fast immer in der technischen Geschichte. Es waren meist mehrere Leute mit der gleichen Idee. 

Und so ist es auch in den Kampfkünsten. Es gibt diese Gemeinsamkeiten in den Techniken. Es gibt feine Unterschiede. Manchmal auch gröbere Unterschiede. Es gibt aber immer diese Gemeinsamkeiten.

Im Karate müssen wir, Technik für Technik, den Weg zurück über diese Gemeinsamkeit finden, um den Weg zu anderen Varianten zu finden. (………….. Nein, ich meine nicht die uns eingetrichterte Basis. …………) 

Wenn man diese Gemeinsamkeiten gefunden hat, kann im Kampf eine Technik entstehen, die ich einmal als „egal-uke“ bezeichnet habe. Es war ein Block, der funktionierte, aber irgendwie nicht so recht in die „Namentliche Schablone“ passte. 

Die Technik darf nicht verändert werden. Im Kampf ist das etwas anderes. 

Donnerstag, 28. September 2017

Es gibt keine Basis im Karate.

Autoschlossermeister zum Gesellen in der Werkstatt: „Und denke immer daran: Du musst immer Wartungsarbeiten üben. Du musst immer üben, wie man Öl- und Filterwechsel macht. Das ist sehr wichtig. Übe immer die Wartungsarbeiten; bevor Du etwas reparierst!“
Später kommt ein Kunde zu diesem Gesellen und meint, dass sein Auto irgendwelche Geräusche macht. Dann sagt der Geselle einen Tag später, dass er den Fehler nicht findet, aber einen Öl- und Filterwechsel gemacht hat. 

So läuft unser Karate, wenn es immer und immer wieder durchs Dojo hallt, dass die Basis stimmen muss und dass man die Basis immer wieder trainieren muss.

Ich kann das nicht mehr hören. Sorry. Auch nicht die Geschichte vom Gesangsschüler, der nur eine Arie üben durfte und an seinem Lebensende einer der größten Sänger war. Na dann hätte ich auch drauf geschissen. Sein Meister konnte schon zu frühen Lebzeiten sehr viele Arien singen. Wie hat er denn geübt, und wann und warum hat er seinen Meister verlassen? Das kommt in der Geschichte nicht rüber. Wenn wir so lernen würden, dann würden unsere Kinder in der ersten bis zur dritten Klasse nur lernen, wie man einen Stift in Händen hält, bevor sie ihren ersten Buchstaben lernen.

Jede Arbeit ist gleich wichtig. Es gibt in einer solchen Ausbildung nichts, was man hinten anstellen kann, weil „Die Basis“ wichtiger ist. Ein Mahler muss nicht nur Wände streichen können; er muss auch tapezieren können. Aber zuerst lernt er drei Jahre lang, wie man einen Pinsel reinigt. Wenn ein Koch nur gelernt hat Suppe zu kochen, und das immer wieder perfektioniert, wird er am Schnitzel scheitern. Es muss auch im Karate eine Gleichberechtigung der Technik geben.

Ich kann die Bezeichnung „Basis“ einfach nicht mehr hören. Weil kaum jemand begreift, was „die Basis“ wirklich ist. 

Nicht die Wartungsarbeiten sind die Basis. Nein. 
Jede Arbeit, die auf dem Weg der Ausbildung liegt, hat eine Basis. Jede. 

Und je weiter man im Karate vorankommt; umso mehr Techniken kommen hinzu, die eine Basis und eine Kampfversion haben. 
Aber dieses alte Denken – und die alten Parolen - bekommt man aus einigen Betonköpfen nicht mehr raus. 

Ich höre immer wieder den Spruch durchs Dojo hallen: „Die Basis darf nicht vernachlässigt werden!“
Ja klar: Die Reparatur am Automotor aber auch nicht. Denn die Basis ist überall; und nicht nur in einer Handvoll „Grund“-Techniken oder im Filterwechsel eines PKW.

Was sind denn diese „Grundtechniken“?

Es gibt auch keine „Grundtechniken“. Es gibt Techniken, die man im Karate als erstes lernt; weil sie am einfachsten sind. Man lernt die einfachsten Dinge auch im Beruf zuerst, und wächst dann mit jeder Herausforderung die sich stellt, ein Stück weiter. Es ist genau wie beim Ölwechsel am Auto. Das darf schon ein Praktikant, nachdem er es vom Gesellen gelernt hat. Und wenn er dort eine Lehre beginnen darf, dann lernt er auch die Fehlersuche am Auto. Und auch beim Ölwechsel wird er immer sicherer und besser. Aber auch die anderen Arbeiten haben eine Basis, an der er jetzt arbeitet und Erfahrungen sammelt. 

Was man also nicht vernachlässigen darf ist nicht etwa die „Basis“, sondern den Fortschritt. Denn dieser Fortschritt wird viel zu oft vernachlässigt; weil jeder so toll im Ölwechsel ist. 
Ich kann einer achten Klasse in der Schule nicht immer mit dem kleinen Einmaleins kommen, und dabei ihren eigentlichen Stoff immer wieder vernachlässigen; nur weil das einfacher zu unterrichten ist.

Je mehr verschiedene Arbeiten man erlernt, umso mehr wächst man auch mit dem, was man zuerst gelernt hat; mit der sogenannten „Basis“. Man nennt das Erfahrung.

Man muss im Handwerk das üben, was man nicht so gut kann. Und das ist auch im Karate so. Es bringt rein gar nichts, wenn man etwas zu perfektionieren versucht, was man besser kann, und das andere immer wieder vernachlässigt. 
Es gibt keine Basis im Handwerk. Wenn man Englisch lernen will, dann nützt es nichts, wenn ich wunderbar „the“ sagen kann, aber nicht verstehe wenn sich jemand mit mir unterhält. Es bringt auch nichts, wenn ein Meister jahrelang seinem Schüler immer wieder mit irgendwelchen überzogenen Kritikpunkten, oder sogar Tricks, beibringt, dass er "the" noch nicht kann. 

Unser Karate ist wie ein Haus das einen wunderschönen Eingang hat, der auch immer geputzt und instand gehalten wird. Man darf nur nicht in die Zimmer schauen.

Es gibt immer das, was man zuerst lernt. Das was dann dazu kommt, muss man genauso gut können. Es gibt keine Basis. Es gibt nur den Fortschritt auf gleicher Ebene. Denn nur so kann man Probleme lösen. Die sogenannte „Basis“ gibt es nicht. Wenn man diesen Begriff nutzt, dann nur in Verbindung jeder Technik die es gibt im Karate. Denn jede Technik hat ein Anrecht auf Gleichberechtigung. Wirklich jede. Also muss die sogenannte Basis mit jedem Fortschritt mitwachsen. Und diese sogenannte Basis, wird mit jedem Fortschritt größer und umfangreicher. Denn jede Technik die man im Karate lernt, hat ein Anrecht auf Gleichberechtigung. Wirklich jede; besonders die, die man noch nicht so gut kann. Und je weiter man dabei kommt, umso leichter wird es, etwas neues zu lernen. Aber nur dann, wenn man es gleichberechtigt anpackt. 

Vielleicht ist das auch Absicht. Vielleicht will man euch die anderen Techniken gar nicht zeigen. Vielleicht will man euch dumm halten. Man hat eine Parole mit der Basis gemacht; und Parolen wirken immer. Jeder schreit sie in die Welt hinein, und keiner denkt mehr über die Parole nach. 

Zitat Napoleon Bonaparte:
"Es gibt kein gutmütigeres, aber auch kein leichtgläubigeres Volk als das Deutsche. Zwiespalt brauchte ich unter ihnen nie zu säen. Ich brauchte nur meine Netze auszuspannen, dann liefen sie wie ein scheues Wild hinein. Untereinander haben sie sich gewürgt, und sie meinten ihre Pflicht zu tun. Törichter ist kein anderes Volk auf Erden. Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden: Die Deutschen glauben sie. Um eine Parole, die man ihnen gab, verfolgten sie ihre Landsleute mit größerer Erbitterung als ihre wirklichen Feinde."
Quelle unter anderem: https://de.europenews.dk/Zitat-Napoleon-Bonaparte-ueber-die-Deutschen-79392.html

Zitat Ende.


Samstag, 23. September 2017

Die Balance zwischen Figur und Anleitung.

Die Balance zwischen Figur und Anleitung.

Von Balance ist im Leben des Öfteren die Rede. Entspannungsübungen z.B. bringen Körper und Geist in Balance, sagt man allgemein. Auch im Karate sollte die richtige Balance ein Thema sein, das man öfter einmal beachten sollte. Beispielsweise im Umgang mit den Techniken. 

(Bitte jetzt nicht verwechseln mit "Innerer Balance"! Darum geht es hier nicht.)

Es gibt also zwei Seiten, die in der richtigen Balance zueinander stehen müssen.
Auf der einen Seite ist es die Form der Technik. 
Auf der anderen Seite ist es die Gebrauchsanweisung.

Es ist vielleicht in etwa vergleichbar mit dem Modellbau. Wir haben ein Modellflugzeug gebaut. Es sieht toll aus. Nun müssen wir nur noch lernen, auf dem Übungsplatz damit umzugehen. 

Im Karate gehört beides gleichwertig zusammen. Und genau hier denke ich, ist die Balance der „Technischen Anwendung“ und des „Technischen Verständnisses“ nicht immer gegeben. 

Beide Seiten müssen im richtigen Gleichgewicht zueinander stehen und miteinander wachsen. Es bringt nichts, wenn man auf der einen Seite eine Perfektion verlangt, die die andere Seite nicht mitmacht. 

• Wenn man im Kumite lernt einen Gyaku-Zuki ins Ziel zu bringen, dann muss der auch wirken. 
• Wenn man einen wirkungsvollen Gyaku-Zuki schlagen kann, muss man den auch ins Ziel bringen können. 

Mit den vielseitigen Kata-Techniken ist das genauso. Auch hier bringt eine einseitige Belastung der Balance nichts. Man muss beide Seiten gleichwertig belasten und mit ihnen gleichwertig heranwachsen. Somit ist ein stetiges Wachsen im Karate nur in der richtigen Balance möglich. 

Es hat lange gedauert bis ich bei mir selbst bemerkt habe, dass ich eigentlich jedes Mal vom Seil falle, sowie ich das Dojo betrete. Und heute fühle ich mich wie ein Seiltänzer, der noch nicht so ganz, ohne die bekannte Balancierstange auskommen kann. Immer wieder suche ich mein Gleichgewicht; und das auf beiden Waagschalen. 

Man sollte diese Balance, der Stufe entsprechend, beherrschen und mit ihr wachsen. Denn ein einseitiges Wachsen, lässt immer eine Seite der Balancierstange aus dem beanspruchten Niveau geraten. 
Wenn man bemerkt, dass zwar die eine Seite über dem geforderten Niveau liegt, die andere aber nicht, dann sollte man vielleicht im Training einmal soweit zurückschrauben, bis sich die Balance wieder etwas ausgeglichen hat. Denn man muss auf der anderen Seite etwas ausgleichen. 
Daher sollte man immer beachten: Die Form ist gut. Aber wir müssen auch die Gebrauchsanweisung lesen.

Mittwoch, 20. September 2017

Warum denn einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Warum denn einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Manchmal habe ich den Eindruck, dass man die „Kunst“ im Karate, zu wörtlich nimmt.
Die Analyse (Bunkai) der Kata wird oftmals dermaßen verkompliziert, dass man den Eindruck hat, als ob sich ein paar Leute in ihrem Bunkai-Kunstwerk verwirklichen wollen.

Wenn man dann genau darüber nachdenkt – und vielleicht aus eigenen Erfahrungen schöpfen kann – dann kann ein ernsthafter Angriff, und eine ernsthafte Bedrohung, zwar etwas Geschicktes sein, aber nichts Kompliziertes. Meist sind es einfache und wenige Angriffe, wenige unkomplizierte Griffe und einfache Techniken, denen man sich erwehren muss. In den seltensten Fällen greift jemand an, der ein kompliziertes Repertoire an Techniken bevorzugt.

Da stellt sich die Frage, warum man dann kompliziert antworten muss. „Karate kann so einfach sein“, sagte mein alter Sensei einmal. Und er hat recht. Es sind die einfachen Dinge, die meist funktionieren. Die komplizierten sehen zwar besser aus, sind aber in der Realität eher unangebracht. Daher sehe ich die Bunkai-Möglichkeiten zwar oftmals vielseitig, aber möglichst einfach. Das heißt; dass man alle Möglichkeiten einer Kata-Kombination ausschöpfen und ausprobieren soll. Wenn es aber zu lang, zu kunstvoll und zu verworren wird, dann sollte man einen Gang zurück schalten. Denn es sind die einfachen Versionen, die die verschiedenen Kata miteinander verbinden. 
Je einfacher man alles hält, umso mehr Gleichformen kann man finden. Und je mehr Übereinstimmungen man findet, umso weniger werden die Variationen, auf denen alles andere aufbaut. 
Wer versucht, sich die zahlreichen komplizierten Bunkai-Variationen zu merken, der ist definitiv auf dem falschen Weg. Wer aber spontan eine Kata erklären kann – wenn auch seine eigene Version – der ist auf dem richtigen Weg. Denn er hat verstanden, wie man mit den Werkzeugen umgehen kann.
Denn bevor man Kata-Bunkai Kombinationen erstellt, sollte man erst einmal die einzelnen Techniken erforschen, trainieren, ihre Möglichkeiten voll und ganz ausschöpfen und sie von der Grundschulversion her analysieren und ihre Verbindung zu anderen Kata-Techniken finden.  

Hierzu bitte auch die anderen vorherigen Artikel lesen!

„Alle Wege führen nach Rom“, sagte man damals. Im Karate ist es so, dass man die Abkürzung von einem Ort zum anderen Ort nicht gehen kann. Man muss zurück nach Rom und den Weg zum nächsten Ort finden. Rom ist in dem Fall, die jeweilige Grundtechnik, aus der die unterschiedlichen Variationen entstehen.
Man sollte sich also nicht wie Tarzan mit einer Liane von Baum zu Baum oder von Ast zu Ast schwingen. Man muss immer im Training zum nächsten Baum oder zum Baumstamm hinunter klettern, um den nächsten Ast oder Zweig von unten her zu erforschen.

Mein Weg ist daher immer, den möglichst einfachsten Weg, in dem Verstehen einer Kata und deren Techniken, zu gehen. Lasst euch nicht verwirren, von komplizierten Bunkai-Kombinationen, die ihr eh nicht behalten könnt. Wenn man aber den Weg zur vorhandenen Grundversion findet, dann weiß man, worauf sich die entsprechende Stelle in der Kata aufbaut. Und das muss immer so sein; egal wie weit man ist, oder wie hoch graduiert man ist. Springt niemals von einem Dach zum anderen. Benutzt immer eine Leiter und klettert jedes Mal von unten hoch. Dann wird man irgendwann bemerken, dass viele Häuser und viele Dächer viele Gemeinsamkeiten haben. Und diese Gemeinsamkeiten sind eine unverzichtbare Grundlagt, um Karate wirklich zu begreifen und zu verstehen.  

Warum Kompliziert, wenn es auch einfach geht?

Dienstag, 19. September 2017

Jede Kata hat eine Grundschule

Übung und Aktion sind zwei Paar Schuhe.

Ich möchte heute über ein Thema sprechen, das aus meiner Ansicht oftmals übersehen oder vergessen wird. Wir alle haben es schon tausendmal gehört; erst muss man die Grundschule beherrschen, bevor man sich an andere Dinge heran wagt. Aber was sind das für andere Dinge? Und was ist die Grundschule?

Der Fehler liegt bereits darin, was wir oftmals im Karate als Grundübungen verstehen. 
Alle Techniken die es im Karate gibt – und wirklich alle – bestehen aus einer Grundschulübung und einer Kampftauglichen Version. Es ist wie das Schönschreiben in der Schule. 
Egal was man handwerklich oder akrobatisch lernt, es fängt immer mit einfachen Grundübungen an. Diese werden dann geübt, perfektioniert und für die Bühne, die Manege oder das Handwerk brauchbar gemacht.

Das ist der Weg. 
Aber leider übersieht man im Karate allzu oft, dass diese Anlernphase einmal endet, und in eine brauchbare Phase gewandelt werden muss. 
Autofahren lernt man mit Grundübungen. Schon beim Einsteigen, und bevor man losfährt, geht man bewusst an die Dinge heran, bis sie sitzen. Dann kann man weiter machen. 
Im Karate lernen wir Jahre lang, wie man den Außenspiegel richtig einstellt. Natürlich kann man immer etwas verbessern. Aber würde man sich, wie im Karate, dermaßen daran aufhalten, würde niemand den Führerschein bekommen. Außer, man beurteilt den Fahrschüler danach, wie er den Außenspiegel richtig einstellt. Dann lernt er aber niemals verkehrssicher fahren. 

Man könnte noch mehr Beispiele nennen. Im Karate bedeutet das, dass man den Weg von Kihon, Kata und den Kumite, zur Selbstverteidigung finden muss. 
Die Frage ist also immer, was man alles mit den Techniken machen kann und wie und wo man sie anwenden kann. Vor allem wie man sie anwendet. 

Dann geht der Weg von der Grundschul-Übung zum Verstehen und zum Fühlen. Dann geht es zum freieren schnelleren Einsatz. Mit sehr viel Training, kann man sich eine solche Übung so einprägen, dass sie automatisch abläuft, wenn man sie wirklich einmal braucht. 
Und dieser Weg gilt für alle Techniken; auch die Techniken, die in den Kata eher selten sind.
Grundschule besteht also nicht aus einer ausgesuchten Auswahl von Techniken, sondern aus der Vorbereitung jeder neuen Technik die man im Karate lernt. Grundschule begegnet uns also immer; auch bei einem Mawashi-Uke. Und da müssen wir genauso von Grund auf üben, wie bei einem Age-Uke. 

Der Baumstamm
Und dann findet man auch die Gemeinsamkeiten die ich immer wieder in meinen Artikeln erwähne. Über diese Grundversionen einer Technik (Baumstamm) finden wir die Gemeinsamkeiten zu anderen Techniken, die in den Kata enthalten sind. Wenn wir den Weg über den gemeinsamen Baumstamm nicht finden, endet unser Training im wirren Geäst eines alten großen Baumes. Bunkai wird zu einem ungeordneten Fotoalbum mit 260 Bildern ohne Inhaltsverzeichnis und ohne Gemeinsamkeiten. Und genau da müssen wir anpacken und Ordnung in das durcheinander bringen. 

Der Weg von der Grundübung zum Verständnis und dann zur weiteren SV-Übung mit all seinen Versionen und Möglichkeiten, ist immer der Selbe. 
Dabei darf man auch nicht vergessen, dass man einer Technik Freiraum lassen muss, die ihr vielleicht bei einer Grundübung nicht gewährt wird. Und man darf besonders im Karate nicht vergessen, dass deshalb vieles Kampftauglich angepasst werden muss. 
Wer etwas Bestimmtes zu viel trainiert, lässt anderswo etwas Wichtiges aus. Übertreibungen ziehen meist etwas anderes, negativ mit. Es muss das Ziel sein, den Mittelweg zu finden und diesen immer weiter zu verbessern. 

Es nützt uns wenig, wenn wir die Besten sind im Außenspiegel einstellen, wenn wir an der nächsten Kreuzung nicht wissen wer Vorfahrt hat. 

Daher ist es wichtig zu erkennen was Grundübungen sind. Ursprünglich wurden aus den ersten Kata ein paar Übungen herausgenommen, um den Einstieg in das erste Training zu schaffen. Diese Grundübungen waren immer mit den Kata verbunden. Und das sollte auch mit jeder Stufe weiter so sein. Alle Kata-Techniken haben eine Grundübung, die man im Kihon erlernen und trainieren muss. Dann muss man den Weg über den Baumstamm, zu den Gemeinsamkeiten finden. 

Unser „Säulen-Denken“ (Kata, Kihon, Kumite) hat diese Gemeinsamkeiten getrennt. 
(Lesen Sie dazu auch die vorherigen Artikel)

Man darf im Karate nichts trennen oder dann sogar belächeln. Denn im Spiegel lächelt immer jemand zurück. 

Montag, 18. September 2017

Ambidextrie im Karate

Ambidextrie im Karate  

Seit Oktober 2016 trainiere ich nun schon 26 Shotokan Kata auch in der entgegengesetzten Richtung (Ura-Form- NICHT Rückwärts). Das hat mich dazu bewogen, einmal ein paar Erfahrungen zu notieren. Ich habe im Jahr 2004 begonnen alle 26 Shotokan Katas zu erlernen und zu trainieren. Die Frage ist aber, wie man sie trainiert. 

Nun, ich will es einmal mit einer Fließbandarbeit vergleichen. Zu Beginn einer solchen Arbeit muss man noch üben und sich jeden Handgriff einprägen. Das ist überall so; ob beim Autofahren, im Handwerk, beim Schreiben am PC oder bei irgendwelchen anderen Arbeiten. Alles ist irgendwo Training und Programmierung. Am Fließband kann man sich, nach einer gewissen Einarbeitungszeit, mit dem Kollegen über das letzte Fußballspiel unterhalten, während die Hände scheinbar alleine weiter arbeiten. 
Und genau das passiert mit den Kata. Es entsteht eine Automatisierung. Wir laufen die Kata. Wir denken aber nicht mehr darüber nach.

Nun könnte man ja sagen, dass eine solche „Automatisierung“ durchaus gewollt und sinnvoll ist.  Aber Halt! Das ist sie eben nicht. Jedenfalls nicht im Sinne der Kampfkunst. Man muss die Techniken immer wieder bewusst üben, um ihre unbewusste Anwendungsmöglichkeiten zu vervollkommnen und weiter auszubauen. 

Meine Erfahrungen.
Es ist sehr schwer, das Gehirn so zu trainieren, dass man die Techniken - die man jahrelang in den Kata einseitig trainiert hat - auch in der entgegengesetzten Form einigermaßen kann. Um das zu üben, muss man immer wieder in der alten normalen Richtung nachsehen, wie man das dort immer gemacht hat. … Und siehe da … Man weiß es nicht. Man muss die Kata oft von Anfang an machen, um an der Stelle, die man trainieren will, weiter machen zu können. Man hat die Stelle immer und immer wieder Gedankenlos überlaufen. Und plötzlich lernt man die Stelle nicht nur neu in der Ura-Form; nein, man lernt sie auch in der alten Form wieder neu. Und mit der Zeit findet man sich viel besser zurecht. 
Trainiert man eine Stelle in der Mitte einer Kata in Ura-Form, kann man sie auch problemlos in der alten Form an der selben Stelle trainieren und finden. Man kann dies, ohne wieder von vorne beginnen zu müssen; weil man sonst nicht weiß wo man war und wie es weiter geht. 
Und plötzlich erkennt man problemlos auch andere ähnliche Techniken aus anderen Kata, die man parallel zu der Übung, die man gerade aus der Kata heraus übt, auch mal gleich wieder mit trainieren kann. Und man merkt, dass es ohne eine sinnvolle Vorstellung, was man da macht, nicht funktionieren kann. Eine Technik braucht einen Sinn. Sonst ist es nur eine schöne und gut aussehende, aber sinnfreie, Tanzübung. 

Hierzu bitte auch die letzten beiden Artikel lesen. „Das Bunkai-Buch“ und „Das ewige Klischee mit den Säulen“.

Aber um es nicht falsch zu verstehen: Es geht nicht darum, eine Kata auch nach der anderen Seite laufen zu können. Es geht um unser einseitiges Denken und Handeln. 
Ich beschreibe immer wieder, dass Karate etwas mit Jonglieren zu tun hat. Wir Menschen sind nun mal „einhändig begabt“. Das heißt, wir sind entweder Rechtshänder oder Linkshänder. Es wird auch als „Händigkeit“ beschrieben. Eine Hand ist nun mal die Dominante Hand. Ich erwähne auch immer wieder die „beidhändigen Techniken“. Beidhändigkeit (auch Ambidextrie  genannt), ist die Fähigkeit,   Arme und Beine völlig gleichwertig einsetzen zu können. Es bedeutet die gleiche Geschicklichkeit beider Seiten. 
Und genau damit haben wir oftmals ein Problem. 

Die Sprünge in den Shotokan Kata sind alle links herum. Die Kata an sich, haben alle einen gewissen Linksdrall. Da fragt man sich, was das für einen Einfluss auf unsere Technik hat. Man sollte immer das üben, was man am schlechtesten kann. Wenn wir vielseitig und technisch gut sein wollen, müssen wir beim Trainieren der einzelnen Techniken auch die Rechts-Links-Symmetrie beachten. Dass der Mensch oftmals linksorientiert agiert, ist mittlerweile bekannt. Es gibt zahlreiche Beispiele. Die Drehtüren werden von rechts angegangen und links herum durchlaufen. Die meisten Menschen fahren auf einem Parkplatz den Weg, der links herum führt. Im Stadion laufen die Sportler links herum. Ein Hammerwerfer dreht sich links herum. Es gibt immer Ausnahmen. Aber meist orientiert man sich links herum. So auch in den meisten Karate-Kata. Warum das so ist, darüber streiten sich noch die Geister. Fakt ist, dass uns das bekannt sein muss, um wirklich unsere Geschicklichkeit und unser technisches Können zu verbessern. Es ist eben wie beim jonglieren; man muss mit beiden Händen und beiden Seiten gleichwertig arbeiten können. (Ambidextrie) 


Trainiert man die Kata auch in der Ura-Form, dann trainiert man die einzelnen Techniken auf eine ganz andere Weise. Jede Bewegung – auch die Zwischenbewegungen – werden intensiv und ganz neu trainiert. Daher ist es egal, ob eine weitere Blocktechnik oder ein Konter folgt. Und daher ist auch das „Bunkai-Denken“ irgendwo falsch. 

Mit Sicherheit soll (und muss) man sich mit jeder Technik etwas sinnvolles vorstellen. Das können auch mehrere Bunkai-Varianten sein. Aber man muss vom „Kata-Kampf“ loskommen. Erst einmal ist es das pure „Grund-Prinzip-Technik-Denken“. Und hier muss ich die Frage stellen, wo Grundschule beginnt und wo sie endet. … Sie endet nie. Alle Karate-Techniken müssen von Grund auf erlernt, verstanden und trainiert werden. Grundschule endet also nie. Das „Grundsschul-Denken“ - das wir trainieren und als Kihon betrachten - ist also oftmals falsch bzw. zu einseitig. 

Man kann das „Karate lernen“, mit dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichen. Wenn man nur die Grundkenntnisse beherrscht – diese aber perfekt – wird man sich kaum vernünftig mit jemanden unterhalten können. Man kann Monate lang die richtige Aussprache von „the“ üben, es wird aber nicht genügen. Man muss auch das andere können; und das ist wichtiger, als sich mit „the“ monatelang aufzuhalten. 

Nach langem Überlegen und jahrelanger Karate-Forschung bin ich zum Schluss gekommen, dass es im Bunkai-Training weniger um Richtig und Falsch oder effizient und ineffizient geht. Das Bewusstsein und das Unterbewusstsein spielen eine größere Rolle, als uns vielleicht bewusst ist. Das Bewusstsein reagiert zu langsam, um wirksam Kämpfen zu können. Das Unterbewusstsein ist da wesentlich schneller. Ich komme immer wieder darauf zurück, weil es enorm wichtig ist. 

Ist das normale - uns seit Jahrzehnten bekannte - „Bunkai-Denken“ richtig. Nein, ist es nicht. Es kann hilfreich sein; wenn man es richtig anpackt. 

Eigentlich dürfte es die Bezeichnung „Bunkai“ gar nicht geben. Denn es führt uns auf den falschen Weg. Wir tanzen Kata. Wir tanzen auch Bunkai. Alles in einer vorgefertigten Choreografie. Aber im wahren Kampf gibt es kein Handlungsschema. Das gibt es nur im Film.  

Das Unterbewusstsein lernt von seinem Meister, dem Bewusstsein.  
Bunkai bezieht sich nur auf Kata. Wenn man aber die Techniken der hohen Kata entnimmt und einen Kihon daraus macht, wie im Stiloffenen Karate, was ist es dann? Es ist genau so Grundschule, wie beim Training mit dem Weißen Gürtel. Jede neue Technik muss von Grund auf erlernt und trainiert werden. Nicht nur „the“. 

Ich glaube, dass man hier vergessen hat die Säulen miteinander zu verbinden. Wir müssen mehr Vokabeln üben und die Karate-Sprache lernen; genau wie englisch. Darum ist das „Säulen-Denken“ schon falsch. Alles gehört zusammen. 

Wenn man das alles nun zu verstehen beginnt, lernt man ein anderes Verständnis um die Anwendungen zu trainieren. 
Das Training in der Ura-Form führt dazu, dass man – wenn man es BEWUSST trainiert – das Unterbewusstsein jeden Tag, an einer anderen Stelle am Fließband, neu angelernt wird. Und wenn man durch ist, fängt man wieder von vorne an. 
Die große Kunst dabei ist, sowohl bewusst wie auch aus dem Unterbewusstsein heraus, zu trainieren. 

Ein Handwerker lernt jeden Arbeitstag besser mit seinem Werkzeug umzugehen. Er wird niemals unkonzentriert mit dem Hammer drauf hauen. Er muss sich immer auf das konzentrieren, was er gerade macht. Wenn er es unbewusst laufen lässt, weil er es seit Jahren kann, sind Fehler vorprogrammiert. Wie man so schön sagt: Er hat einen Moment nicht aufgepasst. Aber das Bewusstsein alleine, kann ohne die Hilfe des unbewussten Handelns nichts zustande bringen. Umgekehrt funktioniert es auch nicht. Aber erlernen kann man es nur bewusst. Anders geht es nicht.  
Wir sollten immer aufpassen was wir machen. Niemals unkonzentriert eine Kata laufen lassen; nur weil wir sie, aus dem Unterbewusstsein heraus, schön laufen können. Denn dann, wissen wir nicht was wir tun.   
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© Rüdiger Janson     ----    www.janson-ruediger.de

Sonntag, 17. September 2017

Das ewige Klischee mit den Säulen

Das ewige Klischee mit den Säulen

Es gibt eine Indianische Weisheit die besagt:
Wenn zwei Falken auf einem Baum sitzen und ein Schwarm Wildenten fliegt vorbei, dann sagt auch nicht ein Falke zum anderen: "Schau, da fliegt die Mehrheit, das muss der richtige Weg sein, schließen wir uns an!" Sie werden weiterhin als Falken dem Weg der Falken folgen.

Aber manchmal folgen wir doch den Wildenten.
Ich weiß nicht wer damit angefangen hat, aber es muss irgendwann gewesen sein, als Karate den Weg von Okinawa über Japan und Hawaii in die weite Welt gefunden hat. 

Erst sprach man von den drei Säulen des Karate. Kihon, Kumite und Kata. Dann kam viel später noch eine vierte Säule hinzu: Die Selbstverteidigung. 
Aber es gab auch noch mehr, und auch noch andere Säulen. Es kamen beispielsweise noch Bunkai und Makiwara hinzu. Weiterhin kam auch noch der Geistige Hintergrund und Henka hinzu.

Alle Säulen stehen für sich; wenn man das Beispiel der Säulen beibehält. 
Säulen können ein Gewölbe oder Arkaden eines Gebäudes tragen und dabei teilweise oder ganz die Wände ersetzen. Sie können jedoch auch nur der Dekoration dienen oder als Monument allein stehen.
Säulen sind also nicht unbedingt miteinander verbunden. Darum ist das „Säulen-Denken“ im Karate völlig überholt und grundlegend falsch.

Wenn man schon solche Vergleiche braucht, dann sollte man nicht einem alten Klischee hinterherrennen, sondern so denken, wie es wirklich sein sollte.
Es sind keine Säulen, sondern Stufen. Vom Schüler zum Meister und weiter, schreitet man die Stufen ein Leben lang empor. Alle Stufen bauen auf den darunterliegenden Stufen auf. Bröckelt eine Stufe, bricht die ganze Treppe zusammen. Bröckelt eine Säule, stehen meist die anderen noch. Also, dann ist doch dieses Denken falsch. Dann lieber zur Treppe.

Es fängt mit der ersten Stufe weiß an: 
Weiß-Kata
Diese Stufe fängt mit der ersten Kata als Basis und Fundament an. Sie enthält auch Kihon und alles was in diesem Grad zur Grundschule dazugehört. Die Basis ist wichtig, um die nächste Stufe erreichen zu können. Alle Techniken die in den Kata enthalten sind, müssen dieser Stufe entsprechend erlernt und trainiert werden; und zwar nicht nur so wie in den Kata. Alle Techniken sind auch im Kihon zu trainieren; links wie rechts. Es geht dabei nicht um Schönheit, sondern um die Funktion. Am Ende dieser Stufe muss man die Kata, dem Grad entsprechend, können. 

Die zweite Stufe weiß:
Weiß Anwendungsmöglichkeiten und Kombinationen.
Ein Werkzeugmacher muss nicht unbedingt mit dem Werkzeug gut umgehen können, das er macht. In dieser Stufe lernt man die Techniken kennen und gebrauchen, die man in der ersten Stufe gelernt hat. Man lernt alle möglichen Anwendungs- und Einsatzmöglichkeiten. Man verbindet Techniken zu Kombinationen und erlernt ein Verständnis hierzu. Man beginnt sie zu verstehen. Auf dieser Stufe übt man dem Grad entsprechend, zum ersten Mal mit Partner. Man versucht die Möglichkeiten, die Kombinationen und die Techniken am Partner zu spüren, zu erfassen und zu meistern.

Die dritte Stufe weiß:
Bunkai, Kumite, Selbstverteidigung.
Nun versucht man das erlernte, dem Grad entsprechend, mit Partner aufzubauen. Man hat jetzt ein Verständnis für die erlernten Techniken entwickelt; es fehlt jetzt nur noch das entsprechende Training. Man weiß jetzt, was man mit den Techniken und den Kombinationen alles machen kann; man kann es nur noch nicht gut genug. … Training, Training, Training.
So bauen sich alle anderen Stufen auch auf. Und man muss die Treppe immer emporsteigen, wenn man auf seiner Stufe trainieren will. Es gibt keinen Fahrstuhl dorthin. Wir steigen so immer wieder die Treppen empor. 

Später kommt noch eine vierte Stufe zum jeweiligen Grad hinzu. 
Die Verbindungen der Kata und das Grundprinzip der Techniken.
Das Grundprinzip der Kata muss verstanden werden. Die Kata sind alle irgendwo und irgendwie miteinander verbunden. Jede Kombination und jede Technik hat ein Grundprinzip. Nennen wir es den Baumstamm. Die Äste sind die Variationen, die hieraus entstehen können. Man muss also die erlernte Kata mit anderen Kata vergleichen, die man bereits erlernt hat. Man muss den Baumstamm jeder Kata und deren Techniken finden. Es gibt immer eine – oder mehrere – Verbindungen. Aus diesen Wenigen Grundvariationen, bauen sich alle anderen Techniken in ihrer ganzen Vielfalt auf. Wer das nicht versteht, der muss weit über 300 Bunkai-Variationen auswendig lernen; was bedeutet, das man - wenn man jeden Tag trainiert - im ganzen Jahr nur immer eine einzige Bunkai-Variante aus den 26 Kata lernen und üben kann.
Hat man das System mit dem Baumstamm aber aber erst einmal verstanden, dann erhöht sich der Schwierigkeitsgrad – aber auch das Verständnis – mit jeder Stufe die man empor steigt auf eine Weise, die sich auf wenigen Grundvarianten aufbaut. Und das kann man behalten und trainieren. 

Es gibt keine Säulen im Karate; es sind Stufen. Das Säulen-Denken ist ein veraltetes Klischee im Karate. Wer nur in den Prüfungen über Hürden springt, bewegt sich immer nur auf einer Ebene. 

Das Bunkai-Buch

Das Bunkai-Buch

Erinnerungen werden wach. Das alte Kata-Bunkai-Buch liegt schon viele Jahre ungenutzt in irgendeinem Stauraum herum. Ich nahm es hervor und blätterte darin herum. Es war das Jahr 1985, als ich mit Karate begann. Ich war 29 Jahre alt und suchte etwas, was mich sportlich, gesundheitlich und vom Interesse her ausfüllte. Nach den ersten Trainingsmonaten begann man sich damals allgemein für Karate-Bücher zu interessieren; denn Internet hatten wir noch nicht. Wir hatten nicht einmal einen PC. 
Der Weg führte in die Stadt, in die möglichst größte Bücherei. Und so kam ich zu meinen ersten Bunkai-Büchern. Der „AH-Effekt“ war groß und das Interesse ungezügelt. 

Kata: Der Kampf gegen mehrere imaginäre Gegner. Bunkai war also der Part, den der Gegner hierbei  übernehmen sollte. Kata war also Kampf. AH. Alles klar. Jetzt hatte man etwas, was man lernen und üben konnte. Ja, alles klar.  …. Dachte ich damals jedenfalls.   

In diesen Büchern erklärte man immer nur eine Version einer Technik oder Kombination. Man ging nicht näher auf die Techniken ein, und auch nicht auf die Kombinationen. Und man erklärte sie auch nicht weiter. Wir hatten ja unsere Grundschule, die im Shotokan Prüfungsprogramm vorgegeben war. Und die war wenig auf Kata bezogen. Man musste erst einmal die Grundschule (Kihon) gut beherrschen. Außerdem war bald Prüfung. Da musste man diese Grundschule können. Und auch die Kata musste schön aussehen. Und „Kihon Ippon Kumite“ sah auch spektakulär aus. … Dachte ich … Alles klar. … Dachte ich damals jedenfalls. 

So verstanden wir mit der Zeit die Kata als etwas, was man damals in den Kung Fu Filmen sah: Es war wohl eine Art Kampfchoreographie. Ja, das musste es sein; eine Kampfchoreographie. Und man verteidigt sich gegen mehrere imaginäre Gegner mit Grundschultechniken. 

Das war das alte Verständnis der Kata. Aber wir hatten ja noch unsere Grundschule, die man erst einmal besser beherrschen musste. Den Hüfteinsatz zum Beispiel.

Und so schleppten auch „Altgediente Karateka“ diese Einsicht über Jahre und Jahrzehnte mit sich herum. Teilweise bis heute noch. Wie letztens noch so ein hoch dekorierter Großmeister sagte: „Wenn man im Kampf mit einer Kata nicht weiter kommt, dann nimmt man eben eine andere“. Und das war damals nicht anders. Man kämpft eine Kata. … Das musste so sein, dachte ich damals. . 

Das Spiel ging weiter. Auf diesem Weg konnte man den so begehrten Schwarzen Gürtel erreichen. Man stellte keine unangenehmen Fragen; man machte das was gefordert wurde. Wir hatten ja unsere Grundschule, die man erst noch besser beherrschen musste. Die Frage nach dem Sinn der Kata rutschte etwas in den Hintergrund. Außerdem gab es noch in vielen Dojos das Wettkampftraining.

Dann stellte sich eine andere Frage. Mit der Zeit, und mit viel Fleiß und Training, war der begehrte Schwarze Gürtel dann erreicht. Mein großes nächstes Ziel war vorerst nicht etwa den zweiten DAN zu erreichen, sondern alle Shotokan Kata zu können. Zumindest vom Ablauf her.

Denn man kann ja beliebig im Kampf von einer Kata zur anderen wechseln.  … Doch halt! … Das ging irgendwie nicht. Das wurde mir mit der Zeit klar. 

Es kann wohl niemand diese Masse an Choreographischen Bunkai-Techniken und Choreographischen  Bunkai-Kombinationen behalten, trainieren und beliebig im Kampf von Kata zu Kata wechseln. Zumal jeder Meister etwas anderes zeigte. Das wurde mir mit der Zeit klar. Denn auch die, die es so sahen und so weitergaben, beschränkten ihre Kampffähigkeiten oftmals ausschließlich auf das Wettkampftraining; wenn man genauer hinschaute.

Hm, aber was nun?
Also sagte man, dass man besser wenige Kata beherrscht, diese aber dann richtig. Ja, wir hatten ja immer noch unsere Grundschule, die man erst noch besser beherrschen musste, oder das Wettkampftraining. Na ja, wenige Kata besser zu beherrschen schränkte meine Möglichkeiten zwar dementsprechend ein, aber die Bunkai- oder OYO-Versionen kann man dann aber richtig. (Vielleicht) ….  Dachte ich. Aber ich war ja stur. Ich trainierte trotzdem alle 27 Shotokan-Kata weiter. 

Aber, diese letzte Weisheit – von einer Kata im Kampf in die nächste zu wechseln - kommt heute bestenfalls von Schülern eines Schülers, dessen Meister ein Schüler von Nakayama oder Funakoshis Sohn Yoshitaka war. Und weil das nicht möglich ist, rutschte das Ziel der Kampfkunst in scheinbar unerreichbare Ferne. Denn auf diese Weise kann wohl niemand alle Kata beherrschen. Das ist unmöglich. Denn es sind schätzungsweise - wenn man bei den Versionen eines einzelnen Meisters bleibt - weit über 300 Bunkai-Versionen, die man perfekt können muss. Man müsste also im Jahr jeden Tag mindestens eine dieser Versionen trainieren. Dann hat man sie aber nur einmal im Jahr trainiert. Das ist Nonsens hoch drei.  

Darum fragte ich einfach einmal den Meister selbst, was er dazu meinte. Denn er hat ja einiges hinterlassen. Mittlerweile mit Internet und PC ausgestattet, ging es auf die Suche nach Büchern vom Meister Funakoshi. Und ich wurde fündig.

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Zitat aus dem Buch Karate-Do Nyumon:
Wenn man die etwas mehr als dreißig Kata betrachtet, die wir üben, wird man erkennen, dass sie im Wesentlichen lediglich Variationen von nur einer Handvoll sind.
Gichin Funakoshi
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Es hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe. Oh ja. Sehr lange. 
Eine Kata ist also KEIN Kampf gegen mehrere imaginäre Regner. 
Eine Kata ist eine Sammlung von Techniken, deren Möglichkeiten man analysieren und vielseitig trainieren muss. 
Dabei darf man Funakoshis Weisheit nicht vergessen, dass eine Kata nicht verändert werden darf; im Kampf aber verändert bzw. angepasst werden muss. 

Ich hatte alle Shotokan Kata geübt und trainiert. Und das auf die verschiedensten Weisen. Ja später sogar in der entgegengesetzten Richtung (Ura-Form) . 
Dann war mir klar geworden, dass man die Techniken und Kombinationen der Kata erst einmal wie ein Baumstamm sehen muss. Man muss das Grundprinzip (Nicht verwechseln mit unserer Grundschule!!! Das meine ich nicht!) der Aktion verstehen, und dann die Möglichkeiten (Äste) hieraus erkennen und fliesen lassen. Dann rutscht man automatisch in andere Kata hinein, die man auch schon einmal trainiert hat. Aber es sind eben keine Kata, in die man hinein rutscht. Man nutzt nur Variationen von Techniken, die auf einer gemeinsamen Grundbasis bestehen. Alle Techniken sind nur Variationen einer Handvoll. Und diese Handvoll kann man behalten und trainieren. Wenn man dann eine Kata trainiert, muss man immer – bei jeder Technik – den Baumstamm erkunden, bevor man in den Ästen herum turnt.

Nun war mir klar geworden, wo der Fehler in der allgemeinen Denkweise lag. Und mir war klar geworden, dass man das niemanden erklären kann. Das muss sich jeder selbst erarbeiten. Man muss sich nur klar darüber sein, ob man Karate macht um andere zu überzeugen, oder um das tiefere Wissen zu ergründen. 

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Weisheit ist nicht mitteilbar. Weisheit, welche ein Weiser mitzuteilen versucht klingt immer wie Narrheit. 
Hermann Hesse
deutscher Schriftsteller (1877 - 1962)
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Ich packte das Buch wieder weg und wusste; es wird noch viele Jahre dauern - wenn nicht sogar Jahrzehnte - bis eine neue Generation kommt, die das Eis bricht und neue Erkenntnisse einführt, die es größtenteils schon in den Hinterhöfen Okinawas gab. 
Aber wie bei Asterix und Obelix, gibt es da ein kleines Dorf …. Nein, es sind bei uns bereits viel mehr kleine Dörfer (Dojos) in denen man das erkannt hat, und den Zaubertrank das Karate bereits seit Jahren Braut. Und das ist gut so.
OSS