Donnerstag, 16. November 2017

Was muss man alles auswendig lernen, im Karate?


  • Muss man die Bunkai-Variationen alle auswendig lernen?
  • Muss man die Techniken alle auswendig lernen?
  • Muss man Kihon auswendig lernen?
  • Muss man Gangart und die Zeiten der Kata auswendig lernen? 
  • Muss man Kombinationen auswendig lernen?
  • Muss man das Prüfungsprogramm auswendig lernen?
Was muss man eigentlich alles auswendig lernen, im Karate?  Das Prüfungsprogramm ja. Aber das kann man nach der Prüfung wieder vergessen. Aber wenn es um das „auswendig lernen“ geht, dann geht es auch darum, dass man das gelernte auch behält. 

Das einzige was man im Karate auswendig lernen, und auch behalten soll, ist der Ablauf der Kata. Alles andere muss man erfahren.

Dieses Zitat von schon mal für Diskussionen sorgen. 

Nehmen wir einmal an, der gute alte Goethe würde wiedergeboren und müsste jetzt beweisen, dass er der echte Goethe ist. 
Wir lassen unsere Fantasie etwas spielen und stellen uns zwei Männer vor, die in einem Raum stehen, der wie ein Gerichtssaal aussieht. Beide behaupten Goethe zu sein; aber nur einer ist es wirklich. Der Andere ist ein Hochstapler und ein hoch studierter Mann, der einfach alles über Goethe weiß. Vor ihnen sitzt eine Jury. Nennen wir den anderen Mann Paul. Paul glänzt mit seinem Wissen vor der Jury, sodass kaum noch Zweifel besteht, dass er der wahre Goethe sein muss, und der echte Goethe ein Hochstapler ist. 
Goethe hat schon mehr in seinem Leben vergessen, als Paul je gelernt hat. Goethe kann sich einfach nicht mehr an alles detailliert erinnern. Darum sieht es schlecht für ihn aus. 
Dann aber erklärt der echte Goethe „Wissen aus seinen Werken“, die in keinem Buch und keiner Überlieferung stehen. Er redet und redet und überzeugt schließlich die Juroren, dass er der echte Goethe und Paul der Hochstapler ist. Denn Paul hat kaum etwas von dem verstanden, was er über Goethe auswendig gelernt hat. 

So ist es auch im Karate. Das Auswendiggelernte nützt gar nichts. Man muss es begreifen und verstehen. Man muss es fühlen und verinnerlichen. 

Nur dann kann man den Weg das Karate wirklich gehen. 
Nur dann, kann man eine beliebige Stelle aus irgendeiner Kata erklären. 
Nur dann kann man den Weg der Technik vom „gut aussehen“ zum „gut wirken“ gehen. 

Der aus Büchern erworbene Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit. 
Gotthold Ephraim Lessing
deutsche Dichter 1729 - 1781

Es ist wie im Handwerk: Man lernt wie man mit einem Hammer auf einen Meißel schlägt. Man muss aber nicht mehr darüber nachdenken. 

Auswendig lernen müssen wir nur den Ablauf der Kata. Alles andere müssen wir üben. 

Und genau hier liegt ein großes Problem im heutigen Karate; wir lernen zu viel auswendig und lernen zu wenig das Handwerk. Karate ist wie ein Handwerk. Im Handwerk muss man das Wissen haben; aber auch die handwerklichen Fähigkeiten muss man sich aneignen. Dazu gibt es eine Lehrwerkstatt. Dort lernen die Auszubildenden mit Werkzeugen und Maschinen umzugehen. Der Meisterschmied zeigt ihnen wie es geht, lernen müssen sie es selber. 

Im Karate aber schreiben wir größtenteils jeden Hammerschlag am Amboss vor. Wir lassen den Lehrlingen keine eigenen handwerklichen Erfahrungen. Das mag im Wettkampfkarate etwas anders sein, aber es geht um das weite große Feld des Karate. Denn das brauchen wir, wenn wir Karate wirklich verstehen wollen. 

1. Wissen wie etwas geht, ist die erste Stufe.
2. Es auch wirklich verstehen, ist die zweite Stufe.
3. Es auch umzusetzen, ist die dritte Stufe. 

Wenn wir eine Kombination aus den Kata machen, dann wissen wir wie das geht.
Wenn wir deren Möglichkeiten alle erkennen, dann verstehen wir die Kombination.
Wenn wir sie umsetzen können, haben wir eine von vielen Stufen erreicht. 

Was wir wirklich auswendig lernen müssen, um diesen Weg zu gehen, ist die Kata. Alles Andere muss man sich erarbeiten. 

Der Meister zeigt uns, wie man eine Schweißnaht legt. Nun muss man sich diese handwerkliche Fähigkeit erarbeiten. 

Im Karate ist das ähnlich. Wir haben die Kata. Die dürfen wir nicht vergessen und die darf auch nicht verändert werden. 
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Wie wir dieses Werkzeug einsetzen, liegt an uns. 
Wie wir es erlernen und erfahren, liegt an uns.
Wie wir es fühlen und beherrschen, liegt an uns.

Karate ist wie ein Handwerk, das man beherrschen muss. Theorie und Praxis gehören zusammen. 
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Die Kata enthält alle notwendige Theorie. 
Der Sensei ist der Meister, der uns zeigt wie es geht.
Lernen muss es jeder alleine. 

Nur die Kata muss man auswendig behalten. Alles andere muss man sich erarbeiten. 

Mittwoch, 8. November 2017

Ignorierte Erfahrungen

Wir alle haben Erfahrungen gesammelt. Und manchmal haben wir auch etwas daraus gelernt. Es muss aber nicht immer richtig sein, was wir gelernt haben. Lebenserfahrung sammeln bedeutet nicht, dass man mit dem Alter auch automatisch weise wird. Es gibt viele „Alte“ die streiten sich heute noch genau so, wie in ihrer Jugend. 

„Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen.“
Kurt Tucholsky, deutscher Schriftsteller (1890 - 1935)

Trotzdem erinnert man sich gelegentlich im Alter an gewisse Fehler, vor denen man die Jugend bewahren will. Nun wollen wir diese Erfahrungen an unsere Kinder und Enkel weiter geben. Doch das funktioniert nicht. Wir sind ja „die Alten“. Und früher war das alles anders. Die „Alten“ haben ja keine Ahnung wie das heute ist. Wir sind vielleicht selbst wie die Irren mit dem Auto durch die Dörfer und Städte gerast und hatten Glück, dass nichts passiert ist. Die Alten hatten viele Dinge lernen müssen. Zum Beispiel wie man mit Geld umgeht. Wie man es ausgibt lernt die Jugend schon zu Kinderzeiten. 
Selbst meine lange verstorbene Großmutter, könnte den Jungen heute noch sagen, dass dieser Weg ihnen Schwierigkeiten bereiten wird. Aber sie wollen ja nicht hören. Sie wissen es besser. Nun gut. 

Wir haben eine neue Erfahrung gemacht. Nämlich die, dass die Jugend ihre Erfahrungen selbst machen muss. Wir können versuchen ihnen den Weg zu zeigen und sie vor falschen Wegen und Gefahren zu warnen. Aber gehen müssen sie den Weg selbst; sonst lernen sie es nie. Dann folgt meist irgendwann der Lehrspruch: „Ich habe es dir doch gesagt. Du hast ja nicht hören wollen“. 
Oder sie merken es nie, dass sie die Erfahrungen überlaufen haben, und immer wieder dieselben Fehler machen. Das ist bei vielen so, aber sicher nicht bei allen. 
Einige junge Leute sehen  in den übermittelten Erfahrungen der „Alten“ ein Wissen, das sie wirklich begreifen und die Folgen selbst abwägen können. Sie machen aus dem Wissen der „Alten“ eine Erfahrung, ohne in die schmerzliche Erfahrens-Grube zu fallen. Sie können damit etwas anfangen, weil sie verstehen was gemeint ist.

„Der aus Büchern erworbene Reichtum fremder Erfahrung heißt Gelehrsamkeit. Eigene Erfahrung ist Weisheit.“
Gotthold Ephraim Lessing, deutsche Dichter 1729 – 1781

Es mag eine alte Weisheit sein: „Was man von Anderen lernt, wird man wieder vergessen. Was man selbst erfahren hat, das behält man.“

So geht man auch oft im Berufsleben vor. Da gibt es den Begriff: „Anlernen“. Was bedeutet „Anlernen“?
Man kommt in eine Firma und hat gewisse Voraussetzungen mitgebracht. Nun folgt die „Anlernphase“. Man bekommt erste Erfahrungen und Richtlinien gezeigt, damit man mit dem neuen Job beginnen kann. Alles wird einem neuen Mitarbeiter noch nicht gezeigt. Das würde zu viel sein. Denn die Erfahrungen muss jeder selbst sammeln. Die Leute, die jemanden anlernen stehen dann aber immer mit ihrer Erfahrung zur Verfügung. Die "Alten" beantworten die Fragen, auf die sie eigentlich warten.

Und nun zum Karate:
Behalten wir die oben erwähnten Dinge mal im Kopf. 

Das Okinawa-Karate blickt auf eine sehr lange Erfahrungszeit zurück. Aber es sind die „Alten“. Und die haben ja keine Ahnung wie das heute ist. Wir sind die Jungen, und wir wissen es heute besser. Heute ist ja alles anders.
Die Alten aus Okinawa, konnten ihr Wissen gar nicht vermitteln; weil nicht viele da waren, die bereit waren es aufzunehmen. Sie konnten es hinterlassen. 

Ich kann meine verstorbene Großmutter nicht mehr fragen. Ich kann mich nur noch an ihre Worte erinnern. Damals war ich ein Jugendlicher, oder ein kleiner Junge. Aber heute fange ich an, das Wenige, an das ich mich erinnern kann, zu begreifen.

Und so ist es auch mit dem Okinawa-Karate. Trotzig stehen wir da und glauben alles zu wissen und begreifen nicht, dass man uns damals, als Karate von Okinawa nach Japan kam, nicht alles vermitteln konnte. Denn man kann nur Wege zeigen.  Aber man muss diese Wege auch erkennen und akzeptieren. Wenn jemand einen Weg zeigt, kann man auf genau diesem Weg Erfahrungen sammeln und begreifen. 

Wenn ein Elternpaar den Kindern vorlebt, dass man im Leben stark sein muss und arbeiten muss um etwas zu erreichen; dann begreifen es vielleicht auch die Kinder.
Das war – laut meinen Erkenntnissen – in Okinawa nicht anders. Das bedeutet, dass man, seit Karate nach Japan kam, einen Teil dessen selbst entdecken musste. Man hat – und man konnte – uns nicht alles sagen und zeigen.

Die Eltern und Großeltern sind die „Alten“ aus Okinawa. 
Die Jungen, sind die stolzen Karate-Nachkommen aus Japan.

Da nun die Leute aus Okinawa, in Japan ohnehin an Ansehen hinten anstehen mussten, ist es nicht verwunderlich, dass diese Jungen es besser wussten.

Und das ist teilweise bis heute so geblieben. Karate muss zum Teil, von jedem selbst entdeckt werden. Stattdessen schreibt man den heutigen neuen Nachkommen jede Bewegung penibel vor.
Wir wurden nur angelernt. Dieses „Anlernen“ kann man bis ins Unendliche Perfektionieren. Aber so wird man niemals lernen, mit der Vielfalt des Lebens fertig zu werden. Und auch im Beruf würde man nicht weit kommen.

Nun versucht man eigene Erfahrungen im Karate zu sammeln, ohne die „Alten“ zu befragen. Und da gibt es die tollsten Erfindungen. Das ist von Meister zu Meister anders. Und sogar Großmeister erfinden neue Pläne. 

Zu viele Wege führen in einen Irrgarten, aus dem keiner den Ausgang findet. Zu viele Konzepte enden im planlosen Durcheinander.

Es gibt mittlerweile – sogar von Großmeistern – geänderte Kata in eine Bunkai- bzw. Selbstverteidigung Version. Wer 27 Shotokan-Kata lernen will, muss dann auch noch die 27 Bunkai (oder SV) Versionen lernen. Und viele Meister erfindet etwas anderes. Und viele Meister sagen, dass man genau das erst lernen muss, um Karate zu verstehen. Und das ist nicht nur bei den Kata so. Die Kreativität wird in Schablonen gepresst, die vorgeschrieben sind. Und auch die Ausführung der Techniken wird neu erfunden. 

Dabei ist es so einfach, die Kata so zu belassen wie sie ist, und nur den Techniken im Kampf kreative Freiheit zu lassen. (Weg mit den Schablonen!)  Denn diese Kreativität reduziert die Zahl dessen, was man als Grundlage behalten muss. Denn sie verbindet die Techniken der Kata miteinander. Die Technik-Schablone muss weg und die kreative Anpassung an die Begebenheit muss her. Wer das erkennt, dem öffnet sich der Ausgang aus dem Labyrinth. 

Es gibt genügend Hinterlassenschaften, die man unter die Lupe nehmen kann. 
Alles was sie geschrieben haben, kann uns weiter helfen. Wie die jungen Leute heute, die Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern verstehen und für sich nutzen können. 

Aber sind wir alle im Karate wirklich so schlau, wie diese wenige besagte junge Leute? 
Wir sind „Die Jungen“. Wissen wir es wirklich besser? Oder sind wir alle zu hoch dekoriert um noch etwas „altes“ unter die Lupe zu nehmen?

Nach Altem forschen heißt das Neue verstehen. 
Budo Weisheit (On ko chi shin, jap.: 温故知新)

Ossu
Rüdiger Janson

Montag, 6. November 2017

Der Karate-Gegner.

Warum wurden die Kampfkünste eigentlich entwickelt? Es ging ursprünglich immer um den Verteidigungsfall. Und auch genau darum wurden die Techniken entwickelt.
Diese Techniken – die man häufig in den Kata findet – wurden also entwickelt, um gegen alle möglichen Angriffe zu bestehen. Das hat Itosu Yasutsune  schon so geschrieben.

Und genau hier liegt ein Problem, das man seit Jahrzehnten vielerorts übersieht. Besonders häufig wird es in Kampfkünsten wie Karate oder Taekwondo übersehen. Dort zählt der Wettkampf mittlerweile mehr, als der Blick in den „realen Spiegel“.

Was man also braucht, ist eine weitere Steigerung des Trainings. Es muss einen Angreifer geben, der seine Angriffe schrittweise und entsprechend realitätsbezogen immer weiter etwas steigert. Der Angreifer muss weg von seiner eigenen Kampfkunst. Wenn man das wirklich üben will, sollte jemand den Gi gegen einen Trainingsanzug tauschen. Damit das Karate-Denken mehr aus dem Kopf kommt.

Der Angreifer muss ein Schauspieler sein. Ja, ein Schauspieler.
Dann kann man die verschiedenen Szenarien einmal trainieren. Man muss weg vom Karate-Angriff. Das muss man langsam üben. Es mag schwer fallen wie ein Kickboxer zu denken oder zu handeln.
Aber nur wenn man die Vielfalt kennt, kann man auch dagegen angehen.
Nur wenn man sich in die Vielfalt der Bedrohungen hinein denken kann, erkennt man die Techniken, die dagegen wirken.

Ein Krieger muss den Feind kennen. Nur dann kann er sich darauf einstellen.

Regel 13von Gichin Funakoshi       
  • 十三、敵に因って転化せよ.
  • Teki ni yotte tenka seyo.
  • Wandle dich abhängig vom Gegner.
  • Verändere deine Verteidigung gegenüber dem Feind.
  • Make adjustments according to your opponent
  • Passe dich deinem Gegner an.
Wenn man nur mit Karate-Gegnern trainiert, und Bunkai nur darauf aufbaut, verpasst man etwas Wichtiges im Training.

Zitat:
„Wenn Du Deinen Feind kennst und dich selbst kennst, brauchst du das Ergebnis von 100 Schlachten nicht zu fürchten.“
Sun Tzu    (um 500 v. Chr. Chinesischer General und Militärstratege, „Die Kunst des Krieges“)

Man muss sich also im Karate mehr um die vielen Angriffsmöglichkeiten und Bedrohungen kümmern, um die Techniken aus den Kata richtig zu verstehen. Denn Karate wurde nicht nur entwickelt, um Karate abzuwehren.
Das wird aber fast überall so trainiert.

Wer nur Karate trainiert ohne den Feind zu beachten, wird in einer wirklichen Bedrohung versagen.

Gilbert Gruss sagte einmal, dass sich jeder einmal daran erinnern sollte, warum man mit Karate begonnen hat. Dem kann ich mich nur anschließen

Ossu

Rüdiger Janson

Freitag, 3. November 2017

Kampftauglich oder nicht, das ist hier die Frage.

Vielleicht lehne ich mich jetzt wieder etwas zu weit aus dem Fenster, aber das muss jetzt einmal sein. In Okinawa trainierte man Kata und die Techniken daraus waren für den Kampf gedacht. Die Frage, ob etwas kampftauglich ist, oder nicht, stellte sich damals gar nicht.

Aber in zahlreichen Kampfkünsten muss man sich diese Frage mittlerweile stellen. Wer im Ring kämpfen lernt, der wird mit dieser Frage auch nicht konfrontiert. Der wird schon merken was gut ist und was Nonsens ist. Aber mittlerweile sind zahlreiche Kampfkünste nicht mehr auf Kata aufgebaut, sondern auf einer herausgesuchten Grundschule. Und da ist man überaus penibel.

Leider werden auch die Kumite-Übungen (außerhalb der Wettkampfübungen) ebenfalls so aufgebaut. Das bedeutet, dass man erst einmal mit einem „einschüssigen Vorderlader Angriff“ zu tun hat, der mit einem weiten langen Schritt beginnt. Diese Übungen sind vielleicht für die Motorik, die Koordination und die Techniklehre gut. Sie sind aber nicht kampftauglich. Davon ist man noch weit entfernt.

Und genau da fängt das Problem an.

Es gibt einen fehlenden Bereich zwischen Kata, (Kata-Bunkai, Kumite-Übungen) und Kampf, den man nur selten lehrt. Warum immer wieder, seit Funakoshis Zeiten, gesagt wird, dass man nur im Kampf kämpfen lernen kann hat den Grund, dass man diesen Bereich nicht erkennt.

Erst einmal muss eines klar sein: Es gibt keine Blocktechnik. Eine Blocktechnik ist nur eine halbe Sache. Wenn man einen Angriff geblockt hat, ist der folgende Zeitpunkt von einer „alles entscheidenden Wichtigkeit“. Je weniger Zeit man an dieser Stelle verliert, um so mehr besteht die Möglichkeit, dass man die Initiative ergreifen kann, um den Gegner auszuschalten, oder um etwas Zeit zu gewinnen um ihn mit den nächsten Techniken auszuschalten. Wenn man die Initiative ergriffen hat, bedeutet das nicht immer dass man auch sofort den so gepriesenen Ippon einbringen kann. Manchmal ist diese Initiative auch nur ein Zeitgewinn der es notwendig macht, die Initiative zu behalten oder den Kampf möglichst schnell zu beenden. 

Im vielen Kampfkünsten allerdings gibt es die Übungen, die nach einem Takt ablaufen. Erst der Block und dann der Konter. Kenei Mabuni schrieb in seinem Buch „Leere Hand“, dass es im Karate keinen Takt gibt. Einen Takt gibt es nur in der Übung.

Und jetzt kommt der oftmals fehlende Bereich. Ich möchte nun versuchen den Weg von der Kata-Bunkai-Version zur realistischeren Kampfübung zu beschreiben. Kata ist eine Sammlung von Waffen, die geschärft werden müssen. Darum geht es hier.

Wenn man die Zeit zwischen Block und Konter – was man als eine einzige Technik sehen sollte – so gering wie möglich halten will, dann muss man oftmals anders reagieren, als es in vielen Vorführungen sehr schön aussieht. 
Eine Block-Konter-Technik sollte man einmal mit einem begabten Anfänger testen. Und der greift garantiert nicht mit einem langen einschüssigen "Vorderlader-Schritt-Faustschlag" an; wobei er den Arm so weit nach vorne streckt, dass Oma die Wäsche daran aufhängen könnte. Und der schlägt auch nicht nur einmal. Und der hat auch nicht die andere Hand weit hinten irgendwo an der Hüfte. Dabei ist in einer solchen Übung oft eine Stoppsekunde beim Angreifer eingebaut, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Wie gesagt; als Übung ist es in Ordnung.

Leider hat man irgendwann bei seiner Suche nach der besten „Grundschulperfektion“ vergessen, dass diese Übung kampfuntauglich ist. Wenn zwei solche Großmeister, aus einer so vorgehenden Kampfkunst, gegeneinander antreten, dann führen sie erst einen „Kampfstellung-Pfauentanz“ auf, und anschließend folgt eine Keilerei die an eine Schulhofschlägerei erinnert. Jeder bessere Muay Thai Kämpfer prügelt sie durch den Ring.

Da fehlt doch etwas. Ja, einerseits fehlt etwas. Andererseits ist etwas zu viel. Was zu viel ist, darüber will ich mich jetzt nicht äußern. Aber was fehlt?

Man muss die Übungen langsam steigern. Tori muss erlaubt werden, nach dem ersten Angriff sofort einen zweiten Schlag zu machen. Und nicht aus der Hüfte. Das macht kein realistischer Angreifer. Das ganze muss langsam ohne Ansage gesteigert werden. Und zwar aus allen Distanzen heraus. Zuvor muss man die Kata wieder als Grundlage nehmen und nicht „Grundschulmäßig schön“, sondern kampftauglich trainieren. Und auch nicht immer zusammenhängend, sondern die Techniken auch spiegelbildlich anders wie in der Kata üben. Man muss sie langsam üben und immer mit dem Gedanken dabei, was man gerade macht. Dabei muss uns klar sein, dass in den Kata auch manchmal Grundübungen enthalten sind. Außerdem sind auch noch technische Anhaltspunkte enthalten, deren Sinn man erst mit viel Übung erkennt.

Wenn man soweit ist, dann kann man die Partnerübungen schrittweise kampftauglich steigern. Das ist ein sehr weiter Weg. Ein solcher Experte, könnte auch in jeden Kampfkunstring steigen. Und er würde nicht nur einen Pfauentanz aufführen.

Wenn man auf diese Weise Kata analysiert, hat man einen wahren Schatz an Trainingsmöglichkeiten die uns Karate lehren, ohne sich planlos die Mappe vollzuhauen, in der Hoffnung, dass man nach einer Zeit voller Torturen etwas dazugelernt hat.

Dieser fehlende Bereich muss geschlossen werden. Schlimm ist, wenn man diese Schwäche nicht erkennt und glaubt, man hätte das rettende Ufer erreicht. Wenn man aber diese Fehler erkannt hat, dann merkt man, dass man sein bisheriges Training etwas umstellen muss.

Diesen Weg muss aber jeder irgendwann alleine gehen. Denn es scheint nicht sehr viele Dojos zu geben, in denen so trainiert wird.

Wer Karate-Wettkampf trainiert, hat zumindest eine sehr gute Grundlage, im realen Kampf zu bestehen. Aber auch da ist vielerorts ein gewisses Umdenken notwendig.

Ich bin mir sicher, dass man das früher auf Okinawa wusste. Es wurde uns aber nicht alles erzählt.

Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern“.

Jonathan Swift (englisch-irischer Schriftsteller, Satiriker)

Mittwoch, 1. November 2017

Krasse Gegensätze in der Fitness

Es mag ein gesellschaftliches Problem sein, aber die Unterschiede in der Fitness sind manchmal enorm. Man erkennt, dass viele Frauen von 20 bis 50 in den Fitnesscenter trainieren bis der Schweiß fliest. Auch junge Männer, besonders auch Männer über 50, sind keine Seltenheit in solchen Studios. 
Und manche jungen Leute schnaufen, wenn sie die Treppe in den zweiten Stock hoch gehen müssen. 

Die ältere Generation scheint oftmals fitter zu sein, als so manche jungen Leute, deren einzige Bewegung allenfalls darin besteht, die Geocaching-Punkte zu finden. Auch eine falsche Ernährung ist oftmals Schuld an der körperlichen Negativentwicklung. Wenn Mamma nicht mehr kocht, wird die Dose auf gemacht, oder das Fastfood-Gericht wird gegessen. 

Dazu kommt noch in jungen Jahren eine rasend schnelle negative Körperentwicklung, die für sich spricht. Aber es sind natürlich nicht alle so. Aber bei sehr vielen geht die Entwicklung genau da hin; während andere jungen Leute im Studio oder im Sportverein, schwitzen, laufen, rennen und Gewichte heben. Ja, sogar über 70 jährige findet man in den Sportvereinen und Sportstudios. Ich selbst bin 61 und weiß wovon ich rede.

Und diese Unterschiede fallen scheinbar immer mehr auf. Auf der einen Seite wird Fitness gelebt bis ins hohe Alter. Auf der anderen Seite spezialisiert man sich schon in jungen Jahren zum Krankheit empfindelten Menschen, der durch seine Krankheitssuche bei sich selbst, die Wehwehchen anzieht und tatsächlich auch empfindet.

Die Ursachen hierzu liegen scheinbar in einer jahrelangen gesellschaftlichen Fehlentwicklung, die dem Konsumenten vorgaukelt wie toll und Glamour das Leben ist; und was man haben muss um da mitzuhalten. Bevor man gelernt hat Geld zu verdienen, haben viele junge Leute gelernt es auszugeben. Am Ende dieses Weges öffnet sich eine Tür, die nicht ins gewohnte und erwartete Glitzerparadies führt, sondern in eine graue trostlose Wirklichkeit, deren „Augenöffnung“ nervlich extrem belastend und schmerzhaft ist. Zu tausenden rennen sie dann zu Dieter Bohlen in die Talentshows und erwarten, dass sich die Tür zur Starbühne doch noch öffnet.

Was bei vielen bleibt, ist ein Schuldenberg und eine Resignation, die zum abendlichen Fernsehschauen als Hauptbeschäftigung zwingt. Wer denkt da schon an einen Sportverein? Man ist froh, wenn der Kühlschrank nicht leer ist. Und ein besonderes Phänomen ist, obwohl es finanziell eigentlich nicht machbar ist, rauchen diese Leute sehr viel und sie haben Haustiere.

Wer Karate-DO lebt, der hat nicht gelernt aufzugeben. Karate-Do findet auch außerhalb des Dojos statt. 
Zwei von Funakoshis Regeln sagen das aus:
  • Regel 8: Denke nicht, das Karate nur im Dojo stattfindet.
  • Regel 10: Verbinde dein alltägliches Leben mit Karate, dann wirst du geistige Reife erlangen.

Wer Karate lebt, hat gelernt zu kämpfen. Und kämpfen muss man im ganzen Leben; nicht nur im Dojo. 
  • Resignation ist am Anfang vielleicht einfach. Am Ende ist sie erdrückend.
  • Der Kampf ist am Anfang schwer. Am Ende kann er zum Erfolg führen.

Wer nicht kämpft, hat schon verloren. Das ist eine Lebensweisheit, die scheinbar immer mehr dem Konsum zum Opfer fiel. 

Wer den Hintern nicht hochbekommt, der schadet nicht nur sich selbst, seinem Körper und seinem Geist; er schadet auch den Menschen, die ein Herz für jemanden haben.

Wer Karate-Do lebt, der lebt vielen anderen etwas vor. Besonders dann, wenn er auch im fortschreitenden Alter nicht aufgibt.

Ossu
Rüdiger Janson

Montag, 30. Oktober 2017

Kampfkunst Karate, und die Sache mit dem Adrenalin und der Realität

Die Suche nach dem richtigen Weg im Karate, scheint nie zu enden. Viele Karatekas glauben ihn gefunden zu haben, und rücken von ihrer Ansicht nicht mehr ab.

Jonathan Swift (englisch-irischer Schriftsteller, Satiriker) sagte einmal: Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern“.

Zitat aus Leere Hand, S. 121 Kenei Mabuni
Auf Okinawa begann man sofort mit dem Training der Kata. Was ein Stoß oder Block war, wusste man gar nicht. Solche Unterscheidungen kamen einem gar nicht in den Sinn. Man übte einfach nur Kata. Die Ausbildung war sehr ganzheitlich auf das Fließen von Angriffs- und Verteidigungsbewegungen konzentriert.

Søren Kierkegaard (dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller 1813-1855) schrieb: „Wenn du mir einen Namen gibst, verneinst du mich, in dem man mir einen Namen, eine Bezeichnung gibt, verneinst du all die anderen Dinge, die ich vielleicht sein könnte. Du beschränkst das Teilchen etwas zu sein, in dem du es fest nagelst, es benennst, aber gleichzeitig erschaffst du es, definierst es, zu existieren. Kreativität ist unsere höchste Natur, mit der Schaffung der Dinge, entsteht auch Zeit, welche die Illusion in der Solidität erschafft."
Dann schrieb er weiter:
„Je mehr Leute es sind, die eine Sache glauben, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Ansicht falsch ist. Menschen, die recht haben, stehen meistens allein.“

Zitat aus Karate-Do Kyohan
Dennoch muss betont werden, dass Sparring nicht ohne die Kata existiert, sondern um die Kata zu üben, also sollte es natürlich keinen verderblichen Einfluss vom Sparring auf die geübte Kata geben. Wenn sich jemand für Sparring begeistert, gibt es eine Tendenz dass seine Kata (Form Technik) schlecht wird. Karate sollte, um das abschließend nochmal zu sagen, geübt werden mit Kata als Hauptmethode und Sparring als unterstützende Methode.

Eine Weisheit die auf Itosu Yasutsune zurückgeht heißt, dass man sehr lange, und sehr viel Übung braucht, um Karate zu entdecken. Dann spricht Itosu von einer Art Veränderung des Körpers. 
Werner Lindt benutzte folgende Formulierung und Übersetzung: „Nach Jahren der nicht nachlassenden Bemühung wird sein Körper eine große Umwandlung zeigen und ihm die wahre Essenz des Karate enthüllen.“ Wie auch immer das zu übersetzen ist; es ist offenbar so zu verstehen, dass man irgendwann, nach langem Training, Karate entdeckt. Davon sprach auch Shigeru Egami.

Und nun suchen wir den Weg nach diesen Angaben!

Der Irrtum, den ein König ausspricht, wird zur Wahrheit. Die Wahrheit die ein Untergebener ausspricht, wird zum Irrtum.

An den Wänden der Dojos hängen die Bilder der Leute, die diese alten Weisheiten im Karate lehrten. In unseren Lehren aber ist die Weisheit neuer Könige, die ihnen folgten. Das „Alte“ wird zum rhetorisch geschickt verpackten Irrtum, der heute nicht mehr zählt.
Plötzlich erzählt ein Trainer etwas, dass in keinem Buch steht und dass er von keinem anderen Trainer gelernt hat. Es ist eine „Kampf-Weisheit“ die ihm im Moment logisch erscheint. Und wenn es sich um einen großen Meister handelt, verbreitet sich diese Logik auch schnell. So rückten wir immer weiter ab vom „DO“ der alten Meister.

Nicht die Analyse, sondern die Verbindung zum Kampf war in ihren Kata wichtig. Sie nutzten keine Namen für Techniken. „Wenn Du mir einen Namen gibst, verneinst Du mich …“

Man sollte beachten, dass man die bestehende angeborene Automatisierungsbewegungen des Körpers (Motorik, Koordinationsfähigkeit und Reflexe) nicht zwangsweise ändern, sondern fördern sollte. Auch Funakoshi lehrte: "Wir dürfen der Natur nicht widersprechen".
(Quelle: shotokai.com/ingles/filosofia/strength.html)

Somit wird Kata zum Fundament, auf dem alles andere aufgebaut ist. Es gibt keine Säulen im Karate. Alles ist miteinander verbunden.

Man sollte beim Training die Natur so belassen wie sie in jedem Karateka steckt. Stattdessen schreibt man ihnen vor, wie ihre Natur zu sein hat. Wer das wirklich umsetzt, der muss sich nicht wundern, wenn seine Kampfkunst im Rückwärtsgang fährt. Die Technik, die wir in den Kata haben, muss dem Karateka gefallen; nicht dem Sensei. Der Sensei sollte nur soweit einschreiten, bis die Technik wirkt. Der Sensei sollte den Schüler die Technik entdecken lassen. Stattdessen hält man sehr oft die Schablone daneben. Eine Technik die nach modernen Ansichten schön aussieht, muss nicht wirkungsvoll sein. Wirkungsvoll ist sie dann, wenn man die Wirkung wirklich empfindet. Das ist die Grundvoraussetzung, um mit den erlernten Techniken kämpfen zu können.
Nun hat man zwei Möglichkeiten kämpfen zu lernen.

1. Learning by doing. Nach Säulen getrennt.
2. Lernen aus den Techniken, die in den Kata enthalten sind.

Der zweite Weg ist lang. Aber man bemerkt durchaus eine Veränderung. Es ist ein besonderes Phänomen; aber die Techniken die man braucht, sind in der Notsituation plötzlich da. Ob es ein Test im Dojo ist, der uns widerfährt. Oder ein Irrtum im Training. Der Block ist plötzlich da, ohne dass wir wussten wie das geschah. Bei der genauen Vorgabe eines Sensei mit Partner, muss das nicht mehr funktionieren. Denn da arbeitet man wieder mit der Schablone.

Nun kommt es sehr oft vor, dass es „Technik-Meister“ gibt, die im Kampf versagen. Oder es gibt „Technik-Meister“, die über einige Spezialtechniken verfügen, die im Wettkampf gut funktionieren. Aber das ist nur ein Teil des Ganzen. Da fehlt noch etwas.

Kaneshima: "Die Kamae ist formlos und die Abwehr ist formlos. Man muss sich immer im Zustand der Bereitschaft befinden und sich aus jeder Position, gleich was man gerade tut, verteidigen können. In einem echten Kampf ein Kamae einzunehmen, bedeutet die sichere Niederlage. Die angewendeten Techniken müssen spontan und natürlich sein und nicht vorher überlegt.
KANESHIMA SHINSUKE

Und von genau dieser Lehre, sprachen die „alten Meister“. Aus der Kata kämpfen lernen. Und das auf einem möglichst natürlichen Weg. Da brauchen wir keine Schablonen, sondern das Gefühl, dass es wirkt. Denn wenn es nach der Schablone stimmt, aber das Gefühl fehlt, dann versagt die Technik im Notfall.

Und nun kommt noch ein weiterer Schritt hinzu.
Diese erlernten Fähigkeiten aus den Kata müssen in jeder Situation wirken. Und zwar mit einem solchen Ergebnis, dass ein Gegner nicht mehr weiter machen kann.

„Learning by doing“ endet da, wo Funakoshi es sah: "Wenn sich jemand für Sparring begeistert, gibt es eine Tendenz, dass seine Kata (Form Technik) schlecht wird."
Im Kapitel „Einführung“ von „Karate-Do Kyohan“ steht außerdem folgendes:
Es gibt extreme Fälle, in denen Schüler ermutigt wurden, ihr Karate in Schlägereien weiterzuentwickeln. Solche Ermahnungen wie : “Du kannst deine Techniken nie verbessern oder verfeinern ohne sie in einigen Kämpfen wirklich angewendet zu haben” oder “Wenn du nicht so-oder-so schlagen kannst, solltest du das Karatetraining besser völlig aufgeben” schädigen den Ruf des Karate-dô. Solche Aussagen zeigen jedoch nur das mangelnde Verständnis derer, die überhaupt nichts von Karate-dô wissen. Richtig verstanden, gelehrt und praktiziert im wahren Geist des Karate-dô ist diese Kunst nicht nur das Gegenteil einer vorhandenen Gefahr, sondern sie ist in Wahrheit eine mit wenigen anderen zu vergleichende vollkommen edle Kampfkunst (Budô).

„Lerning by doing“ oder Lernen mit Hilfe der Kata? Jedem das Seine. Wer es aber verstanden hat, der kennt die Antwort. Diese Antwort ist ganz einfach: Dem Karate-Do vertrauen; sofern man "Do" wirklich gefunden hat. 

Freitag, 27. Oktober 2017

Der Bunkai-Code ist kein Geheimnis.

Informationen und Erfahrungen sammeln, funktioniert in etwa wie ein Kartenspiel. Man spielt Karten aus und bekommt Karten zurück. Ähnlich funktioniert das mit den Erkenntnissen in der Kampfkunst, die man über lange Zeit gewinnt und sammelt. 

Wir spielen unsere Karten aus und andere reagieren darauf, und spielen ihre Karten aus. Aber anders als bei einem Kartenspiel, handelt es sich bei den ausgespielten Karten nur um Kopien. Die Originale behalten wir immer auf der Hand. Man kann auch Karten kaufen. 
So sammeln sich die Karten, mit der Zeit, immer mehr an. Was wir nicht mehr gebrauchen können, sortieren wir aus. So wird unser Blatt immer wertvoller.

Nun gibt es aber auch „zementierte Erkenntnisse“. Das heißt, dass einige unserer Mitspieler glauben, dass ihr Blatt so gut ist, dass sie nur noch ausspielen, aber nichts mehr einsammeln müssen. 
Am Ende hat derjenige gewonnen, der das wertvollste Blatt in Händen hält.

So funktioniert das auch in Internet-Karategruppen. Man kann seine Erfahrungen preisgeben und erhält Erfahrungen anderer zurück. Das kommt uns im Training zugute.

Wer nun glaubt, dass zu viel geschrieben und zu wenig trainiert wird, der sitzt nicht einmal am Spieltisch.

Aber nur auf diese Weise kann man sein Blatt so wertvoll machen, dass man den so geheimnisvollen „Bunkai-Code“ knacken kann. Aber in Wahrheit ist es kein Code. Es ist nur ein Wissen, das man erst dann versteht, wenn man möglichst erfahren im Handwerk ist. Denn ein Handwerker, der nur geschickt mit den Händen ist, aber über wenig Erfahrung verfügt, wird schnell scheitern. Er kann zwar wunderbar schweißen und schrauben; aber er muss auch wissen was und wann er schweißt und schraubt. Sonst ist er immer auf die Angaben eines Vorarbeiters angewiesen.

Aber in der Kampfkunst haben wir keinen Vorarbeiter. Da ist jeder auf sich selbst angewiesen. Jeder muss sein eigener Vorarbeiter sein. Und wenn man einmal soweit ist, dann wird man bemerken, dass es gar keinen Bunkai-Code gibt. Es gibt nur das Handwerk, das man zu verstehen beginnt. Es gibt nur Karate-DO.

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Wie viel Karate darf es denn im Kinder-Karate wirklich sein?

Als Karate gegen Ende des neunzehnten, und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich wurde, veränderte Itosu Yasutsune einige der damals bekannten Okinawa-Kata. Itosu Yasutsune war einer der beiden Lehrer von Gichin Funakoshi, der zu Beginn der zwanziger Jahre Karate von Okinawa nach Japan brachte. 
Itosu Yasutsune änderte und vereinfachte die Kata seiner Schule. Fortan wurden die Pinan (später Heian) Kata auch, und zum ersten Mal, an den Schulen Okinawas gelehrt. Allerdings nahm er die kämpferischen Schwerpunkte heraus und ersetzte sie durch gesundheitlichen Aspekt.

Aus heutiger Sicht gesehen, ist das nur denjenigen wirklich bekannt, die sich etwas mit der Geschichte der Kata beschäftigt haben. Wenn man aber ein paar Jahre (Jahrzehnte) Erfahrung gesammelt hat, fällt einem auf, dass diese kämpferischen Aspekte nicht etwa verschwunden sind. Nein, sie sind noch da. Sie sind aber nur Leuten ersichtlich, die sich wirklich mit diesen Inhalten beschäftigt haben.

Man kann das schönste, das tollste und das sauberste Auto besitzen; es nützt nichts, wenn man nicht gut und verkehrssicher fahren kann.

Aus diesem Blickwinkel betrachten muss man sich fragen, wie viele dieser Inhalte, die man selbst irgendwann erkannt hat, man an die Jugend und an Kinder weitergeben kann. 
Es sind teilweise Techniken dabei, die eine verehrende Wirkung auf einen Gegner haben können. Somit hat man diese Techniken vielleicht etwas getarnt, sie sind aber noch da.

Daher vermeide ich es, alle Möglichkeiten offenzulegen. Mir geht es aber nicht nur um die Gesundheit; wie Itosu und Funakoshi es oftmals weiter gaben. Es geht mir um die Geschicklichkeit, um Selbstverteidigung und um den Einstieg für die Jahre, in denen sie älter und reifer werden.

Man sollte nicht so einfach Erfahrungen und Möglichkeiten weiter geben, für die man selbst 30 Jahre gebraucht hat. Hier muss ich mich ein klein wenig den Okinawa-Meistern anschließen, die ihre inneren Erkenntnisse nur bestimmten Schülern zeigten. Aber was für Kinder gilt, das gilt auch für neue Leute die mit Karate erst beginnen. Erst muss man die Leute besser kennen, ehe man ihnen die „schärferen Klingen“ einer Heian-Kata zeigt.
Kenne ich jemanden besser und länger, kann man immer noch zurück zu den Heian Kata gehen - was man ohnehin immer wieder machen soll – und ihnen die „schärferen Klingen“ zeigen.
Somit muss jeder selbst wissen, wie viel Karate es bei Kindern sein darf.

Bunkai: Das große Rätsel.

Wozu ist Bunkai eigentlich gut? Wozu ist Kata gut. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns ein Beispiel vergleichen. 

Vielleicht nehmen wir einmal das, was viele Leute mit Begeisterung täglich verwenden; das Handy.
Mit dem Handy kann man telefonieren. Man kann aber auch Navigieren. Man kann damit spielen, oder Geocaching betreiben. Man kann damit Sprachen übersetzen oder seine Dokumente immer dabei haben. Man kann sein Konto überwachen oder damit bezahlen. Man kann einen QR-Code lesen. Man kann sehr viele Dinge mit dem Handy machen. Man kann aber auch nur damit telefonieren.

Man kann eine Kata als Kampf gegen mehrere Gegner sehen, und dann im Bunkai, das alles mit Gegner zeigen.
Man kann aber auch mehr damit machen. Eine Kata ist nicht zum Kämpfen da, sondern zum Lernen, zum Trainieren und um seine Fähigkeiten zu erweitern und zu verbessern. Das bedeutet, dass Bunkai erst einmal eine Übung ist, die nicht unbedingt im realen Kampf bestehen muss. Bis es soweit ist, muss man das Handwerk erst lernen. Also ist Bunkai erst einmal eine Grundübung. Es muss aber eine Grundübung sein, die man ins Reale steigern kann.

Die Form darf nicht verändert werden. Der Kampf ist eine Ausnahme.
So in etwa kann man Gichin Funakoshis 18. Regel verstehen. 

Das bedeutet, dass man die Übung bis in den realistischen Kampf steigern kann und muss. Und genau da gibt es sehr viele Probleme. Diese Steigerung wird oft nicht erkannt.

Im Sommer 2017 habe ich auf einem Lehrgang, Teile der Jion mit Partner vorgeführt. Es gab Gruppen mit drei Leuten. Alle sollten diese Stelle auf ihre Weise interpretieren. Als ich an der Reihe war, ging ein Raunen durch die Reihen und der Referent fragte, wie lange ich schon in der Bronx wohne. Aber Karate muss auch in der Bronx funktionieren. Sonst ist es nur eine schöne Übung die zwar klasse aussieht, aber in der Realität versagt.

Um das zu erreichen, muss man diese Stellen in den Kata lange, langsam und intensiv üben. Man muss sie mit dem Ziel interpretieren, dass sie im „Schnellen“ funktioniert. 
So hat man genügend Zeit, eine solche Partnerübung in mehreren Stufen aufzubauen. Das kann von der genauen „Grund-Form“, bis zur veränderten und angepassten „Kampf-Form“ stufenweise gesteigert werden.
Am Ende entsteht ein Bunkai, das Kumite, Selbstverteidigung und Kata-Analyse in einem darstellt.

Man muss alles miteinander verbinden. Nur dann findet man den Weg („DO“).

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Stiloffenes Karate (SOK) Was ist das wirklich?

Ich möchte eine Sache zur Sprache bringen, die meiner Ansicht nach völlig falsch verstanden und falsch wiedergegeben wird.
Auch vom DKV. Denn in der folgenden Erklärung widerspricht sich der DKV an mehreren Stellen selbst.
  • Es wurde die Öffnung gegenüber aller Stilrichtung beschlossen.
  • Dann ist die Rede von einer „offenen Stilrichtung“.
  • Dann lesen wir, dass die Rahmenprüfungsordnung viele Möglichkeiten zu lässt, ohne dass jemand seine Stilrichtung verlassen muss.
  • Dann weiter, dass die Stilrichtungen dadurch nicht an Bedeutung verlieren. 
  • Die Vereine können jetzt mehrere Stilrichtungen melden.
  • Im Pass kann „stiloffen“ als Stilrichtung eingetragen werden.
  • Usw.

Das ist ein Durcheinander, das sich nicht nur selbst widerspricht, es versteht auch in Wahrheit keiner. Oder man versteht es falsch. Sogar die „Schaffer“ dieses Konzeptes, scheinen da nicht so recht durchzublicken. 

Was ist Stiloffenes Karate?

Es gibt kein Stiloffenes Karate. Es gibt eine Stiloffene Prüfungsordnung. Also eine Prüfungsordnung, die für viele Stilrichtungen offen ist. Darin steht, dass man seine Stilrichtung für die Prüfung angeben muss. Das heißt noch lange nicht, dass eine neue gemeinsame Stilrichtung entstanden ist. 

Aber gehen wir es langsam an. 

Der Liedermacher Raphael Gottlieb schreibt auf seiner Internetseite folgendes: 
Meine Musik ist durch die Bandarrangements deutlich stiloffener geworden, als sie noch zu Zeiten der Solokonzerte sein konnte. Die Einflüsse aus dem Countrybereich sind nun stärker zu spüren, aber auch Pop und Rockelemente haben Platz gefunden.

„Stiloffene Stilrichtung“, „offene Stilrichtung“, „Stilrichtungsfreie Stilrichtung“ oder Stilfreies Karate“; was ist das alles? 

Gibt es das im Karate. Gibt es eine solche „Stiloffene Stilrichtung“ die aus allem etwas herauszieht? Das gibt es derzeit nur beim fortgeschrittenen Karateka, der über den Tellerrand schaut. 
Was aber gibt es dann? Es gibt nur ein gemeinsames Prüfungskonzept. Und dort sind die Stilrichtungen immer noch getrennt. Es gibt also eine Prüfungsordnung die es ermöglicht, dass die Teilnehmer unterschiedlicher Stilrichtungen gemeinsam an einer Prüfung teilnehmen können. 

Eine offene Stilrichtung beschäftigt sich mit allen Kata und allen Stilrichtungen.
Doch das ist beides im Konzept der Prüfungsordnung nicht gemeint.

Diese Begriffe sind eigentlich gar nicht so schwer zu verstehen. Aber offenbar hat man nicht verstanden, was eine Stil offene Prüfung ist.

Aber ein wichtiger Punkt, der völlig übersehen wurde: Wenn es ein „Offenes Prüfungskonzept“ gibt, das es ermöglicht für viele Stilrichtungen Prüfungen zu machen; warum sollen sie ihre Stilrichtungen nicht als Prüfung angeben? Die Prüfung ist doch offen für alle Stilrichtungen. Warum wird dann SOK verwendet? Jemand macht seine Prüfung in der Stilrichtung Kobudo, und im Pass steht als Stilrichung nicht etwa Kobudo, sondern Stiloffen. 
Entweder das Prüfungsprogramm ist für die Stilrichtungen zugelassen oder nicht. Dann braucht man keine „Stilrichtung Stiloffen“. 

„Stiloffen“ ist aber keine Stilrichtung. Stiloffen ist nur ein gemeinsames Prüfungskonzept für verschiedene Stilrichtungen,

Und nun kommen wir zu einer weiteren Steigerung dieses Begriffes: 

"Stilrichtungsfreies Karate".
Mit diesem Begriff kann man nun wirklich gar nichts anfangen.
Es sei denn, man denkt an „Stilrichtungsfreie (bzw. Stiloffene) Lehrgänge“ oder „Stilrichtungsfreie (bzw. Stiloffene) Wettbewerbe“ Das würde zumindest beide Begriffe etwas erklären.

Aber was ist mit einer "freien Stilrichtung" gemeint?
Was Karate ist wissen wir. Was Stilrichtungen im Karate sind, wissen wir auch.
Was ist Karate, das frei von jedweder Stilrichtung ist?

Nimmt man es genau, wäre "Freies Karate" ähnlich vergleichbar mit freien Konzepten wie Beispielsweise das "Jeet Kune Do" von Bruce Lee. Das wäre ein "Freies Karate". 
Freies Karate wäre also eine gemischte Stilrichtung, die beispielsweise auf Selbstverteidigung aufgebaut ist. 
Aber das ist weit von der Prüfungsordnung des Stiloffenen Konzepts entfernt.

Stiloffenes Karate ist also nicht vorhanden.
Darum dürfte es nicht SOK oder SFK heißen, sondern SOP für „Stiloffene Prüfung“. (Mehr nicht)

Eines muss dabei aber klar sein: Es spielt für das Endergebnis überhaupt keine Rolle ob es eine „Stil offene Prüfung“, oder „Stil geschlossene Prüfung“ war. Auch dann nicht, wenn es sich bei der „Stil offenen Variante“ um ein anderes Konzept handelt, das für einige Zielgruppen besser geeignet ist.

Ein weiterer Punkt ist die Prüfung zum 5. DAN im „Stiloffenen Prüfungsprogramm“.
Es ist schon sehr verwirrend und sehr merkwürdig. Denn zum 5. DAN muss man eine „Stilrichtungsfremde Kata“ zeigen. Man müsste also fragen: Gibt es bei Stilrichtungsoffenem (bzw. Stilrichtungsfreiem) Karate überhaupt eine "Stilrichtungsfremde Kata“? Wenn man „Stiloffen“ als Stilrichtung sieht; was ist dann Stilrichtungsfremd? Man kann also gar keine "Stilrichtungs fremde Kata" zeigen; weil es im Stil offenen (freien) Karate keine "Stil fremde Kata" gibt.

Im Grunde genommen ist das Stiloffene Prüfungsprogramm eine tolle Idee. Weil Karate sehr vielseitig wurde, und man auf die verschiedenen Bedürfnisse und Leistungspotenziale besser eingehen kann. Das nur nebenbei bemerkt.
Aber da bleibt trotzdem die Frage offen: Was versteht der DKV unter „Stil offenem Karate“ oder „stilrichtungs freiem Karate“? Wenn man weit genug vorangekommen ist, schaut man auch über den Tellerrand. Man denkt dann "Stiloffen" oder "Stilfrei". Aber zu Beginn einer Karate-Laufbahn braucht man eine Richtung; einen Stil. Und Karatestile werden von Karate-Meistern entwickelt. Das ist eine Lebensaufgabe, die ein Verband nicht einfach so, in einer Versammlung beschließen kann.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Karate macht sich lächerlich

Chinesische Mönche und die verbotenen Waffen.

Mein Gott: Ich habe folgenden Satz mehrere Male im Internet gefunden. Immer der gleiche Satz; auf zahlreichen Karate-Seiten. 

Zitat:
"Karate ist eine Kampfkunst, dessen Ursprünge bis etwa 500 Jahre n. Chr. zurückreichen. Chinesische Mönche, die keine Waffen tragen durften, entwickelten aus gymnastischen Übungen im Lauf der Zeit eine spezielle Kampfkunst zur Selbstverteidigung." 
Zitat Ende.

Sie kopieren diesen Satz immer und immer wieder und fügen ihn auf zahlreichen Karate-Internetseiten ein. Sie können eine "vermutetes Waffenverbot auf Okinawa" nicht von den Chinesischen Shaolin Mönchen unterscheiden. Wenn man jetzt noch "Bauernwaffen" ins Spiel bringt, wird die Verwirrung unkontrollierbar; und endlose Diskussionen entstehen. Und es wird immer schön am eigentlich wichtigen Thema vorbei diskutiert.  

Das Hintergrundwissen ist im deutschen Karate katastrophal. Man muss ja kein Experte sein. Aber wenn man keine Ahnung hat, sollte man auch nicht so etwas Absurdes erzählen. 

Jeder, der sich auch nur annähernd mit Kampfkunst auskennt weiß, dass die Chinesischen Mönche Waffenexperten waren; und heute noch sind.

Infos hierzu findet man auf zahlreichen „Kung Fu Seiten“.

Das deutsche Karate wird zur Lachnummer. 
Denn wenn solch ein Unsinn erzählt wird, kann es mit dem technischen Wissen auch nicht weit her sein. Denn wenn es nicht aus der Geschichte überliefert wurde, dann muss es selbst erfunden sein. Überliefert wurden nur fast leere Behälter, die mit etwas Grundwissen gefüllt sind. Vielleicht ist es nicht wichtig ein Geschichtsexperte zu sein, um Karate zu lernen; jedenfalls was wir darunter verstehen. Aber wenn man die Lehren der Vergangenheit begreifen will, muss man zwangsweise auch etwas über diese Vergangenheit wissen. 
Das Grundwissen eines Computers, zum Beispiel, ist zwangsweise mit der Geschichte der Computer verbunden. 
Auch in anderen Bereichen geht es nicht ohne das Geschichtswissen; denn aus den Erfahrungen heraus entstehen neue bessere Methoden. Ignoriert man diese Erfahrung, muss man eigene Grundlagen schaffen. 
In der Medizin würde jeder Herzchirurg die Erfahrungen seit Professor Bernard ignorieren und eigene Erfahrungen sammeln. Dieses Verhalten hätte jeden Fortschritt gestoppt.  
Beachtet man das nicht, verzichtet man auf die Weiterentwicklung jeglicher Erkenntnisse. 

Wir wundern uns heute über geschichtliche Geheimnisse, mit denen man die Pyramiden oder Bauwerke in Südamerika errichtete. Weil wir uns das nicht vorstellen können, und es keine geschichtliche Weiterentwicklung gab – wegen der Geheimhaltung oder Katastrophen – werden meist Aliens im Spiel gebracht. 

Gibt man es nur von Lehrer zu Lehrer weiter, entsteht so etwas wie „Stille Post“ (oder Flüsterpost genannt). 
Was das dann für Veränderungen nach sich zieht wissen wir alle.  
Darum ist es wichtig, auf dem Fundament alter Erfahrungen aufzubauen. Und daher ist es eben notwendig, dass man in Geschichte nicht die Note 6 hat. 

Was entsteht - wenn man das ignoriert - ist ein „neuzeitlich eigen erarbeitetes Denken“, das immer wieder, und in unterschiedlichen Dojos, neue Erkenntnisse einbringt, die nicht auf der Erfahrung früherer Arbeiten beruht. Die Rechtfertigung besteht dann auf eigenen logischen und argumentativen Grundlagen, die nach eigenem Ermessen entstehen. 

Was im Karate übrig bleibt, wenn man das nicht beachtet, ist ein Olympischer Hochleistungssport, der Akrobatik, Ausdauer und Schnelligkeit erfordert. Aber was ist dann mit der Kampfkunst?

Was ist, wenn das Bild von Gichin Funakoshi überall aushängt, man aber so gut wie nichts über ihn weiß? Was verehrt man da eigentlich? Und was versteht man von dem Karate, nach dessen Geschichte wir gefragt werden. 

Wir prahlen damit, dass Karate uralt ist. Wir hängen Bilder von den Stilrichtungsgründern aus; ignorieren aber bereits deren Geschichte und deren Lehren. 

So wird Kime, Hikite und Kihon in einem neuen Gewandt präsentiert, das auf diesem wackeligen Grundwissen der Geschichte des Karate besteht.
Aber nicht nur diese Dinge stehen auf einem wackeligen Fundament. Nein. Auch das Ansehen des Karate leidet darunter. Wer kann denn Karate noch ernst nehmen, wenn auf höchster Ebene die Note 6 in Geschichte geschrieben wird.

Für uns ist aber eines wichtig: Wie viel Hintergrund- und Geschichtswissen muss ins Karate?
Es kann definitiv nicht sein, dass ein hoch graduierter und auch ein erfolgreicher Karateka, im Regional-Fernsehen die Story vom „Waffenverbot der Mönche“ erzählt. 

Jeder „Kung Fu Mann“ schreit sich weg vor Lachen.

Hier muss etwas geschehen. Denn „Copy & Paste“ hat bereits genug Schaden angerichtet. 

...
Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum.
Johann Wolfgang von Goethe
  deutscher Dichter (1749 - 1832
...
Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die im Irrtum verharren, das sind die Narren
Friedrich Rückert
deutscher Dichter (1788 - 1866)
...
Der Mensch sollte sich niemals genieren einen Irrtum zuzugeben, zeigt er doch, dass er heute gescheiter ist als gestern.
Jonathan Swift
englisch-irischer Schriftsteller,  Satiriker
...

Sonntag, 15. Oktober 2017

„Kata“ ist nur ein Name.

Eine Kata ist wie eine Flasche Wein. Sie kann von außen schön sein. Aber es kommt auf den Inhalt an.  
Gilbert Gruss bei einem SV-Lehrgang in Mannheim. 

Und da muss man sich die Frage stellen, ob Namen und Bezeichnungen wie Schall und Rauch sind. Man muss sich das fragen, weil wir nicht mehr wissen, was man im 19. Jahrhundert, und davor, unter der Bezeichnung Kata wirklich verstanden hat. 

Kata ist nur ein Name; wie eine Weinflasche nur ein Gefäß ist. Wir haben dieses Gefäß neu gefüllt und uns dabei nicht an das Rezept gehalten. Vermutlich trinken wir den „Kata-Wein“ sogar aus einem Bierglas. 
Wir tun es, weil wir es für richtig halten. Und wir tun es, weil andere es auch so machen. Und wir ignorieren oder belächeln den, der den „Kata-Wein“ aus einem Weinglas geniest.

Die alten Traditionen waren nicht falsch, weil wir es heute besser zu wissen glauben. Funakoshis Bilder hängen in vielen Dojos und auf Lehrgängen aus. Aber im Regionalfernsehen erzählt dann schon mal ein erfolgreicher Karateka, dass Karate entstanden ist, weil die Shaolin-Mönche keine Waffen tragen durften. Und die Biografie und die Lehren Funakoshis kennen und verstehen auch nur wenig Karateka. 

Kata ist nur ein Behälter der immer wieder neu gefüllt wird. Manchmal wird der Behälter auch gar nicht gefüllt. Manchmal ist nur Wasser darin enthalten oder etwas anderes was, mehr schlecht als recht, zusammengebraut wurde. 

Ein guter Wein muss lange lagern bis er wertvoll ist. Mit der Kata ist es ähnlich. Die wertvollen Kata sind da. Aber wir können sie nicht finden. Wir nehmen zu oft eine einfache Flasche, kleben ein Etikett drauf und füllen etwas hinein von dem wir glauben, dass es dem Rezept entspricht. 

Dabei ist es so einfach. Wenn man versucht einen eigenen Wein herzustellen, der besser ist als alle anderen alten Weine je waren; dann kommt man plötzlich auf das alte Rezept, als die Kata entstanden sind. 
Man sollte also nicht versuchen etwas zu kopieren. Man sollte versuchen etwas Eigenes zu erzeugen, das noch viel besser ist. Und man sollte es immer mit „dem Alten“ vergleichen. Irgendwann hat man dann das Geheimnis verstanden, nach dem alle Kata entstanden sind. 
Die alte Zauberformel, die auf alles passt. Es gibt sie. Wenn man die verstanden hat, versteht man alle Kata. Und man kann guten Wein erzeugen.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Techniken und ihre Risiken

Schon oft habe ich gehört, dass jemand sagte, dass er dem Gegner doch nicht den Rücken zuwendet. Es ging dabei um eine Technik, die über den Rücken gemacht wird. Nun, in den Kata gibt es diese Techniken auch. Aber es ist immer eine Frage, ob sie auch angebracht sind. Wenn man es genau nimmt, könnte man Techniken nach folgenden Schwerpunkten analysieren. 

Risiko
Zeit
Wirkungsgrad
Akrobatik
Nutzenergie

Risiko
Jede Technik hat einen gewissen Grad an Risiko. Man geht immer, mehr oder weniger, ein Wagnis ein. Man sollte aber diese Risiken immer genau abwägen und bedenken. Während eines Kampfes kann man das nicht; dazu bleibt keine Zeit. Es ist also nur im Training möglich dies zu tun. Hier ist es wichtig was und wie wir etwas trainieren. Der Gegner sucht nach Schwachstellen. Wenn man eine schwierige und komplizierte Technik anwendet, ist das Risiko umso größer. Techniken über den Rücken (z.B.) müssen wirklich einen Sinn ergeben oder wirklich notwendig sein. Man sollte das Risiko immer so klein wie möglich halten. Ja, man sollte lernen das Risiko zu fürchten. Nicht nur der Gegner ist zu fürchten; nein, auch unsere Bereitschaft zu experimentieren um gut auszusehen. Es geht nicht darum mit einer ganz tollen Technik den Helden zu spielen. Es geht ums Überleben. Man sollte das Risiko niemals unterschätzen, das man eingeht. Darüber sollte man sich aber schon im Dojo bewusst sein. 

Zeit
Natürlich braucht jede Technik ihre Zeit, wenn es auch nur Bruchteile von Sekunden sind. Daher ist es immer ratsam, keine Experimente zu machen. Man darf wirklich keine Zeit verlieren. Was im Dojo, oder auf der Budo-Bühne, toll aussieht, kann im wahren Kampf einem geschickten Gegner Tür und Tor öffnen. Es gibt Techniken, mit denen man Zeit gewinnen kann. Und es gibt Techniken, mit denen man Zeit verliert, wenn sie nicht angebracht sind. Es muss klar sein, wenn der Partner im Dojo in einem Angriff stehen bleibt; in einem echten Kampf macht das niemand. Alles was dauerhaft gegen diese Erkenntnis trainiert wird, ist nicht förderlich, sondern schädlich. 

Ergebnis
Das Ergebnis hängt in erster Linie erst einmal davon ab, ob eine Technik im realen Kampf überhaupt funktioniert. Man darf sich hier nichts vormachen. Im Training muss man immer mit dem Gedanken im Hinterkopf trainieren, als ob man einen wirklichen Gegner vor sich hat. Man muss wissen, ob man für das Publikum auf der Tribüne, oder für die Selbstverteidigung trainiert. Man muss sich auch fragen was man damit erreicht; und wie geht es weiter. In welcher Lage befindet man sich nach der Technik, die man angewendet hat. Wenn beide auf dem Boden liegen und der Gegner zwar unter Kontrolle oder verletzt ist nützt es nichts, wenn ein zweiter Gegner auftaucht. Das Publikum applaudiert; der zweite Gegner aber nutzt die Situation voll aus. 

Akrobatik
Man wird ja auch älter. Dann ist es ohnehin vorbei mit der Akrobatik. Aber Akrobatik verstößt meist über die drei vorher genannten Punkte. Manchmal lässt man sich von Film, Show und Fernsehen in eine „Supermann-Welt“ entführen, die eine falsche Begeisterung vermittelt. Das mag alles irgendwo funktionieren. Aber muss man eine Dose wirklich im Schraubstock mit der Metallsäge öffnen? Die Techniken einer Kampfkunst müssen in erster Linie so vermittelt werden, dass sie jeder möglichst kann. Und jeder sollte nur die Techniken wirklich üben, die er auch wirklich in einem echten Kampf beherrschen kann. Der Salto rückwärts gehört nicht dazu. Wenn man über akrobatische Fähigkeiten verfügt, ist das eine tolle Sache. Es darf aber niemals zur Voraussetzung werden. Und wenn man so etwas macht, dann muss man es genau so gut können, wie die leichteste Technik die es gibt. Wenn nicht; dann lasst es sein. 

Nutzenergie
Nun muss man auch mit der Kondition haushalten. Keiner weiß wie lange eine Gefahrensituation dauert. Jedes energieraubende Verhalten ist in einer echten Gefahrensituation mehr als ungeschickt. Wenn die Kondition und die Konzentration durch Herumspringen und Kampfbalzverhalten im Eimer ist, dann kommt noch vom Gegner der erlösende „Bud Spencer Hammer“; der jede „Bruce Lee Imitation“ sofort beendet. Körperliche und Geistige Energie muss man kontrollieren, beherrschen und entsprechend einteilen können. Auch das ist eine Kunst für sich. Wer auf einem Lehrgang aus lauter falschem Ehrgeiz und falscher Angst seinen Partner zusammentreten muss, wird in einer wirklichen Kampsituation kläglich versagen. Man muss die Energie richtig nutzen können. In den 20 Regeln des Funakoshi Gichin heißt es in Regel 19: „Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell, alles in Verbindung mit der richtigen Atmung.“


Effizient und Effektiv 
Letztendlich muss man sich die Frage stellen, was effizient und was effektiv bedeutet.
Effizient ist etwas, wenn es nur einen kleinen Aufwand benötigt. In unseren Beispielen also, wenn es ohne großes Risiko und ohne großen Aufwand, das beste mögliche Ergebnis erzielt. 
Effektiv ist alles, was ein gewünschtes Ergebnis erzielt. 
Nun sollte man sich entscheiden, ob man ein Akrobat ist, oder ein Durchschnittsmensch. Als Durchschnittsmensch sollte man das machen was man lernen und wirklich beherrschen kann.
Bevor man alles nutzen mag was effektiv sein kann, muss man erst einmal das beherrschen, was für jeden selbst effizient ist.